Original-/Alternativtitel: /
Jahr: 1929
Regisseur: Rowland V. Lee
Schauspieler: Warner Oland (Dr. Fu Manchu), Neil Hamilton (Dr. Jack Pierce), O.P Heggie (Nayland Smith), Jean Arthur (Lia)
Vorwort:
Inzwischen kann ich hier ne weitere Review-Reihe aufmachen, nämlich zu den „berühmt“-berüchtigten „Westlicher-Schauspieler-spielt-klischeehaften-Asianten-beziehungsweise-vornehmlich-Chinesen“-Filmen. Die Geschichte dieses Subgenres, das Hollywood heutzutage gerne in den Giftschrank schließt, hatte ja einst eine Blütephase, die ich inzwischen bereits in diversen Reviews besprochen habe (u.a zu The Terror of the Tongs und Die Rache des Dr. Fu Man Chu mit Lee, The Mask of Fu-Manchu mit Karloff oder die zahlreichen Charlie Chan Filme mit Oland/Toler, von denen ich dieses Jahr schon zwei reviewt habe). Aber mit jedem neuen Film dieser Art erschließt sich bekanntlicherweise eine neue Facette. Und heute gehen wir zu den Anfängen dieser Filme…
Inhalt:
In China wütet der Boxer-Aufstand gegen die Europäischen Kolonialherren. Einige Britische Einheit ist eingeschlossen und die Boxer-Aufständischen drohen den Sieg zu erringen. Der Britische Militär vertraut seine Tochter Lia kurzerhand dem weisen Dr. Fu Manchu an, der verspricht, sie zu behüten. Der Militär wird erschossen, bevor Britische Verstärkung anrückt und die Boxer zurückdrängt. Doch da einige der Revolutionäre in den Garten von Fu Manchu fliehen, wird sein Haus beschossen – und seine Tochter und Frau sterben in den Trümmern.
Viele Jahre später, in London: Mithilfe der Erwachsenen Lia, die er hypnotisiert, plant er seine Rache an den ehemaligen Befehlshabern. Nachdem er die Deutschen und Französischen Beteiligten ermordet hat, steht nun die Familie des Britischen Generals Petrie auf den Plan. Nayland Smith kommt zu spät, um den Sohn von General Petrie zu retten, aber zusammen mit dessen Enkel, Dr. Jack Pierce, will er Fu Manchu stellen. Gleichzeitig verliebt sich Dr. Pierce in Lia…
Besprechung:
Da The Mysterious Dr. Fu Man Chu für mich an dem Tag eher eine Notlösung war, ist es umso erfreulicher, dass es ein guter und durchaus unterhaltsamer Yellow-Peril Streifen ist. Tatsächlich sind die meisten Filme dieses Subgenres unterhaltsam, zumindest habe ich noch keinen „Europäer-spielt-Chinesen/Japaner/Asiaten“-Film gesehen, den ich, abgesehen von der aus heutiger Sicht „problematischen“ Herstellungsweise, als wirklich langweilig oder uninteressant bezeichnen würde. Heck, sogar Monograms Potboiler The Mysterious Mr. Wong mit Lugosi, der nun wirklich eine allerbilligste Kopie von Fu Man Chu war, hatte seinen Charme.
The Mysterious Dr. Fu Man Chu schließt sich dieser Reihe an, beziehungsweise startete diesen Topos passend und unterhaltsam. Weiter zurückgehen kann man ja ohnehin nicht, da das Serial von 1923 nicht mehr vollständig zu sein scheint, bzw. ist es der Öffentlichkeit nicht in Gänze zugänglich, insofern überhaupt noch irgendwo komplette Kopien herumfliegen sollten. Aber ob ich mir ein Fu Man Chu Stummfilm-Serial von 1923 überhaupt ansehen würde? Naja, ich weiß ja nicht…
Wie dem auch sei, feierte die Figur hier, wie schon in früheren Reviews erwähnt quasi ein Bond-mäßiges Super-Mastermind, seine US-Premiere. Da es ein Major-Studio war (Paramount) kann man getrost davon ausgehen, dass die Story mit ausreichend Production-Values unterfüttert wurden. Storytechnisch ist das kein Weitwurf, und das dürfte es schon damals nicht gewesen sein. Aaus dem zugrundeliegenden Skript hätte man in den 60er Jahren auch ein Film für die Christopher-Lee-Reihe zimmern können, es wäre nicht aufgefallen. Das ist aber keinesfalls negativ gemeint, alles ist, wie man es erwartet: Nayland Smith ist der uninteressante Scotland-Yard Ermittler und Fu Man Chu stiehlt ihm sprichwörtlich die Show mit etwas Hokuspokus, Zaubertricks und einer ordentlichen Schüppe Sadismus. Lediglich die sehr melodramatische Romanze nimmt hier deutlich stärker Raum ein, als es in den späteren Fu Manchu Filmen der Fall sein sollte – schon die MGM-Adaption mit Karloff kickte diesen Part weitgehend aus dem Skript, um den Folterungen mehr Platz zu verschaffen.
Dass die Romanze selbstverständlich sehr erzwungen wirkt, sich zu keiner Sekunde wirklich organisch aus der Handlung ergibt, und nur dazu dient, dass das Finale spannender wird (oder sein soll), dürfte nicht überraschend. Man bedenke, dass wir uns hier im sprichwörtlichen Übergang vom Stummfilm zum „Talkie“ befinden. Von The Mysterious Dr. Fu Manchu gab es eine Sound- und eine Stummfilmversion, wobei lediglich erstere erhalten geblieben ist. In den Mystery- und Horrorfilmen der 30er Jahre gab es immer (unnötige) Romanzen, doch deutlich weniger melodramatisch vorgetragen, als es hier der Fall ist. In den 20er Jahren war das typische „Melodram“ ja (so wie ich das als „Laie“ zu erkennen glaube) offenbar deutlich beliebter, weswegen es auch hier nun mehr Raum einnimmt – allerdings drängt es sich trotzdem nicht nervig in den Vordergrund. Man könnte spekulieren, diesen Part des Skripts auf Florence Ryerson schieben, eine der wenigen Drehbuchautorinnen des frühen Hollywoods, die hier zusammen mit Lloyd Corrigan zusammenarbeitete. Ein, ähm, sehr seltsames Duo: Ryerson schrieb auch am Skript von Der Zauberer von Oz oder an einer Variante von The Canary Murder Case (mit Louise Brooks) mit. Im Alleingang textete sie auch das Skript zum frühen Poverty-Row-Horror The Drums of Jeopardy (ebenfalls mit Warner Oland).
Der Name Lloyd Corrigan sagte mir, als ich in die Credits schaute, ebenfalls nichts. Aber sein Gesicht in Letterboxd kam mir so bekannt vor, und da entsann ich mich: Er hatte den ulkigen Inspektor im Republic Mysteryfilm The London Blackout Murders von 1943 gespielt. Ok, das ist alles andere als ein bekannter Film, aber da ich ihn erst vor kurzem gesichtet hatte, erinnerte ich mich an seine Rolle. Als Darsteller war er nämlich auch deutlich aktiver, spielte in diversen Bowery Boys Filmen mit, ebenso in den Universal Horrorfilmen She-Wolf of London und Captive Wild Woman. Als Drehbuchautor war er hauptsächlich bis 1930 herum tätig, auch drehte er ein paar Filme (u.a das Karloff-Vehikel Night Key), danach verlagerte er seine Karriere fast vollständig vor die Kamera.
Äh, wo war ich jetzt? Ach ja: Also, man könnte vermuten, dass Ryerson für den melodramatischen, und Corrigan für das „Mystery“ zuständig war – oder ist das sexistisch und ich tue den beiden hier unrecht? Keine Ahnung.
Jedenfalls ist das Mystery gut straight Forward, es gibt keine unnötigen Verästelungen, die die Sache unnötig kompliziert machen würden. Ohnehin ist ja allen von Anfang an klar, wer für die Morde verantwortlich ist, und Ermittlungen sehen wir ohnehin nicht. Wo es in den Lee-Filmen immer etwas dauerte, bis Smith Fu Manchu überhaupt erreichte, könnte man hier schon nach der Hälfte der 80 Minuten meinen, die Sache wäre erledigt: Bei 40 Minuten stellen Nayland Smith und Dr. Jack Petrie den bösen Chinesen in seinem Limehouse-Haus (also dem Londoner Stadtteil Limehouse!) – doch selbstverständlich kann Fu Manchu entkommen. Und das Skript ändert dann den Schauplatz komplett und wird kurzerhand zu einem Old-Dark-House-Film! Die ganze Sippschaft um Dr. Petrie reist kurzerhand in das altenglische Herrenhaus seines toten Gevatters an der Küste. Auch lässt Fu Manchu nicht locker und es wird im dunklen geschrien, es wird sich vor Schatten erschreckt und so weiter, und so fort. Da fühlt man sich glatt wie in den 40er Jahren Old-Dark-House-Streifen, inklusive Comic-Relief Charakter… das hätte ich bei einem Fu Manchu Film nicht erwartet, zugegeben, aber das unterhält und so gibt’s innerhalb der 80 Minuten auch keinen Stillstand. Die alternative wäre wohl gewesen, die restlichen 30 Minuten bis zum Finale mit weiteren, obsoleten Ermittlungen seitens Smith zu füllen, da man offenbar keine anderen Ideen mehr hatte – also ändert man eben kurzerhand das Subgenre. Geht ja auch.
Dafür bekommt man aber auch das doppelte an Set-Pieces zu sehen. Die erste Hälfte wartet mit einigen klischeehaften „düster-mysteriösen“ Chinatown-Sets auf, wie aus dem Bilderbuch. Ich habe keine Ahnung, wie man die einzelnen Objekte nennt, aber die Vorhänge, das Inventar, auch Fu-Manchus Kleidung – das alles wirkt authentisch (auch wenn es das zugegebenermaßen vielleicht gar nicht ist, sondern eben nur einem westlichen Bild entspricht). Der Prolog mit dem Boxer-Aufstand erreicht keine epische Breite, aber da hat Paramount schon zahlreiche Komparsen zusammengetrommelt, die wild umherballern, auch die marschierenden Kolonialsoldaten machen in der Optik was her.
Apropos Boxeraufstand. Der Streifen ist schon sehr ambivalent, sehr seltsam… auf der einen Seite wird Fu Manchu ja klar als das Opfer dargestellt: Er hat seine Frau und Kind durch die Britische Kolonialherrschaft verloren, wenn auch eher zufällig. Seine Trauer und seine Wut und die damit einhergehenden Rachegedanken sind gerade heute sehr nachvollziehbar, man in der Gegenwart ja ohnehin eher den Aufständigen zugeneigt ist. Da würde sich eine Kolonialismuskritik ja geradezu aufdrängen, da Fu Manchu vor dem Boxeraufstand ja geradezu der Menschenfreund in Person war, sich aus dem Aufstand raushielt, aber jedem Individuum seine Hilfe anbot. Allerdings wird aus diesem Prolog nie mehr gemacht, als das, was es ist: Ein simpler Aufhänger, damit Fu Manchus Rachepläne gegen die Weißen irgendwie erklärt sind. Niemals wird später auf seinen Verlust eingegangen oder die Frage gestellt, warum er plötzlich so handelt, wie er es eben tut. Theoretisch wäre ja sogar eine Versöhnung möglich gewesen, aber selbst Fu Manchu selber erklärt nie, wofür er sich rächen will.
Im Gegensatz zu den Lee-„Adaptionen“ kommt hier auch die Aart des Rassismus zutage, die auch der MGM-Verfilmung von Karloff ein paar Jahre später zu eigen war. Fu Manchu wird nun zum Hasser der Weißen, nennt sie „White Devils“ und verachtet selbst das Kind, das ihm anvertraut wurde (Lia), nur wegen seiner Hautfarbe. In der Karloff-Verfilmung war das allerdings noch viel extremer, da kündigte Fu Manchu ja glatt einen Kreuzzug gegen die „weiße Rasse“ an – so weit geht unser Manchu hier (noch?) nicht. Ohnehin ist es interessant, wenn man betrachtet, dass ab der zweiten Hälfte der 30er die ganzen Yellow-Peril-Filme zusehends verschwanden. Da waren nette, hilfsbereite Ermittler (Mr. Wong, Mr. Moto, Charlie Chan) angesagt, nicht mehr aber böse Chinesen, die den Weißen nach dem Leben trachteten. Das dürfte allerdings eher damit zusammenhängen, dass da Japan das Feindbild der USA wurde, und die Chinesen dementsprechend eher als Verbündete gegen den neuen Feind gelten konnten.
Wieder abgeschweift. Also, die Set-Pieces schauen schick aus und machen vor allem mit dem hervorragenden Print von Kino Lorber durchaus etwas her. Da wäre allerdings durchaus etwas mehr gegangen. Gerade das Old-Dark-House Set fällt etwas ab, das ist neben der obligatorischen Ritterrüstung und den dunklen Gängen etwas karg eingerichtet. Die düstere Spelunke in London und das kleine Miniaturmodell des Herrenhauses an der Küste dürfte aber auch heute noch den Freunden alter Genre-Filme etwas Verzückung bringen.
Da schadet es auch nicht, dass die Regie vielleicht etwas tranig anmutet. Immerhin war es erst 1929, da wirkten die meisten Filme dieser Art, die vorwiegend im inneren von Häusern stattfinden, eher wie Theaterstücke. Das passt zur Story und dem Mystery-Aspekt des Streifens aber auch und ist alles andere als schädlich, außerdem gibt es doch den ein oder anderen interessanten Shot. Die meisten Szenen allerdings sind eher starr, wenig Schnitte, weniger Bewegung – eben wie im Theater. Für das Jahr 29 dürfte das aber völlig solide gewesen sein. Insgesamt macht Regisseur Rowland V. Lee, der uns später den grandiosen Son of Frankenstein bescherte, einen annehmbaren Job.
Auch der Cast überzeugt, wobei… eigentlich fällt nur Warner Oland auf, aber schließlich ist hat er die Titelrolle inne, sodass alles an ihm hängt. Er liefert eine coole Show ab, so theatralisch-diabolisch, wie man es sonst vielleicht nur von Lugosi und Konsorten gewohnt ist. Er ist etwas zurückhaltender, aber sein diabolisches Grinsen, seine Sprechweise – Oland gibt schon einen klasse Bösewicht ab, genau richtig für so eine Produktion. Später musste er sein Spiel ja nur noch kurz umdrehen: Vom bösen Chinesen zum guten Chinesen in den Charlie Chan Filmen.
Die restlichen Akteure fallen da ehrlich gesagt weniger ins Gewicht, denn Oland stielt die Show ohnehin. Dennoch leiert sich keiner der anderen Schauspieler eine denkwürdige Performance aus dem Kreuz. O. P Heggie als Nayland Smith fällt kaum auf, der bietet nichts, was nicht auch jeder andere Akteur hätte bringen können – allerdings gibt ihm das Skript auch keine großen Momente, die liegen eher bei unserem Liebespaar. Aber auch das überrascht nicht. Jean Arthur, die später eine ziemliche Größe in Hollywood wurde (in Komödien) ist als Lia Eltham eher langweilig, ihr Spiel ist sehr gekünstelt, sehr gestelzt, ohne aber irgendwie den Pathos einer netten Theatralik (wie es eben bei Oland der Fall ist) mitzubringen. Keine Ahnung, was an ihr besonders sein soll. Für B-Horrorfilme wäre das ausreichend (an einer Stelle wird sie hypnotisiert, erinnert an White Zombie), aber für einen „Star“ ist das irgendwie nix.
Selbiges gilt für Neil Hamilton, der nominelle „Held“ der Story, der aber am Ende auch nur gerettet werden kann und irgendwie nichts wirklich Heldenhaftes tut, außer wehleidig über sein Schicksal rum zu jammern, als Fu Man Chu ihn abmurksen lassen will. Tatsächlich ist er ein „alter Bekannter“ für meine Seite, denn seine Karriere endete, irgendwie folgerichtig, in B-Produktionen: Z.B als Kultist in The Devils Hand, einer der ersten Filme, die ich hier einst reviewte. Auch im ersten Batman Film und in der Tarzan-Reihe hatte er einige Auftritte. Und zu guter Letzt fehlt auch ein Comic-Relief nicht, diesmal in der Form des Butlers Sylvester, der a) eine dumme Stimme hat und b) natürlich für etwas Slapstick sorgen darf, wenn er im Herrenhaus mit der Ritterrüstung kollidiert. William Austin macht das Beste aus der Rolle, dessen Schicksal im Film sogar ungeklärt bleibt, also immerhin bleibt er eher im Hintergrund und der vorhandene Witz, den er betreibt, sorgt tatsächlich für etwas Amüsement.
Das Blu-Ray Double Feature mit der Fortsetzung The Return of Dr. Fu Manchu (der am Ende eigentlich den Freitod durch Gift wählt, aber egal, wenn’s Kasse machte, wurden die Titelfiguren halt wiederbelebt. Das war in Hollywood ja schon immer so) kann ich nur empfehlen. Das Bild ist sehr scharf, der Ton hervorragend. Besser kann man einen fast 100 Jahre alten Film gar nicht aufbereiten. Auch die Fortsetzung so wie den dritten Teil, The Daughter of the Dragon (gedreht übrigens von Corrigan selber) werde ich mir bestimmt noch anschauen.
Fazit:
The Mysterious Dr. Fu Manchu ist also ein netter, überraschend-kurzweiliger Mystery-Thriller der sehr altmodischen Art. Aufgrund des Charmes der Production-Values und von Olands Schauspiel kann der Fan dergleichen getrost zugreifen.
6,5/10


