Satanisten-Samstag No. 2
Original-/Alternativtitel: /
Jahr: 1934
Regisseur: Edgar G. Ulmer
Schauspieler: Boris Karloff (Hjalmar Poelzig), Bela Lugosi (Dr. Virus Werdegast), David Manners (Peter), Julie Bishop (Joan), Harry Cording (Thamal)
Vorwort:
Wie ich in der vorigen Kritik zu The Devil Rides Out bereits schrieb, wage ich mich nach einer langen Pause wieder an Filme und führte mir am Samstag sogleich ein hervorragendes Double-Feature zu Gemüte, das so eigentlich gar nicht geplant war. Neben Hammer hatte ich auch Lust auf Lugosi, und so dachte ich mir, dass ich das doch gut kombinieren und einen, nun ja, Satanisten-Samstag draus machen könnte. Und so ist es dann auch gekommen und nach den Hammer-Satanisten schob ich die Blu-Ray zu The Black Cat in den Player. Viel muss ich hoffentlich zu diesem Klassiker nicht sagen, außer: Es ist das erste und vermutlich auch beste aufeinandertreffen der beiden Titanen des Horrors: Lugosi Vs. Karloff! Das reicht schon, damit jeder Horror-Fan einschaltet.
Inhalt:
Das frisch vermählte Ehepaar Joan und Peter sind für ihre Flitterwochen in Ungarn unterwegs. Durch einen Fauxpas mit den Tickets müssen sie sich das Abteil jedoch mit dem mysteriösen Dr. Vitus Werdegast teilen, der erzählt, dass er aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Als die Drei mit dem Bus unterwegs sind, kommt es durch das heftige Gewitter zu einem Unfall und sie müssen Zuflucht im modernen Prachtbau von Hjalmar Poelzig Zuflucht suchen – mit dem Werdegast noch eine alte Rechnung zu begleichen hat…
Besprechung:
Viel ist schon zu The Black Cat gesagt worden. An Hintergrundinformationen halte ich mich hier nun aber zurück, denn es wird ja auch noch meine Biographie zu Lugosi kommen, in der ich mich selbstverständlich detailliert mit dem Film auseinandersetze. Nur so viel: Lugosi wurde nach Murders in the Rue Morgue (aka Das Geheimnis des Dr. Mirakel) von Universal vor die Tür gesetzt, denn Karloff war nun bekanntlich der neue Horror-Star. Nachdem aber auch sein Vehikel The Mummy finanziell nicht die Erwartungen erreichte, tauchte er in James Whales Der Unsichtbare von 1933 gar nicht mehr auf. Erst 1934 kam Universal dann auf den Trichter, die Name-Values beider Stars zu kombinieren und KARLOFF auf BELA (Dracula) LUGOSI treffen zu lassen, was sich auch als äußerst gewinnbringend erwies: Der Film war für Universal ein Segen, war ihr erfolgreichster Film des Jahres und führte dazu, dass in den nächsten beiden Jahren jeweils ein weiteres Lugosi-Karloff-Vehikel kam. Hinzu kam, dass sich mit Edgar G. Ulmer ein äußerst fähiger Regisseur auf den Stuhl setzen durfte. Der Österreicher hatte in Deutschland schon unter Fritz Lang als Set-Designer begonnen und z.B auch bei Der Golem, wie er in die Welt kam mitgearbeitet und dass wir ihn hier schon mit Der Mann von Planet X zum Thema hatte, „spoilert“ schon, dass seine Karriere nicht gerade positiv verlief. Doch dazu später mehr.
Jedenfalls ließ Carl Laemmle Junior ein bisschen Geld springen, dennoch war The Black Cat trotzdem nur ein B-Picture. Zur Sorge seines Papas und Universal-Chefs, denn der Sohnemann ging dieses Mal richtig in die Vollen: Satanisten, Häutungen, konservierte Frauen – für das Jahr 1934 hat es der Streifen in sich, aber nicht nur in der Hinsicht. Es ist nämlich keine Überraschung, dass The Black Cat ein hervorragender Film ist, den man als Horrorfan gesehen haben MUSS. Ohne wenn und aber. Es ist kein Universal-Klassiker der Riege Dracula oder Frankenstein, aber in der zweiten Reihe steht er zweifellos an erster Stelle. Sowohl für Lugosi als auch für Karloff ist es einer der denkwürdigsten Auftritte ihrer Karriere und als Fan kommt man hier einfach nicht drum herum!
Man weiß freilich auch nicht, wo man anfangen soll. Beim Set-Design? Bei den Schauspielern? Bei Der Regie? Beim Skript?
Fangen wir mal beim Skript an – es ist nämlich auch die größte Schwäche des Films. Solange Universal auf große Literaturklassiker zurückgreifen konnte, siehe Dracula und Frankenstein, ließ man in der Hinsicht nichts anbrennen, aber sobald man selber Geschichten erdenken musste? Naja, Kontinuität oder allgemeine Logik war nie unbedingt die große Stärke der Universal-Horrorfilme. Und auch wenn ich hier wieder sage, dass man die Stories gut und gerne an zweiter Stelle der Prioritätenliste setzen kann, sollte man bei The Black Cat einen genaueren Blick drauf werfen. Denn leider wird hier auch einiges an Potenzial verschenkt. Zuerst das Wichtigste: Nein, der Titel hat nichts mit Edgar Allen Poes Kurzgeschichte, in der ein Mann seine Frau mitsamt Katze einmauert, zu tun, aber das kennen wir ja schon. War ja bei Murders in the Rue Morgue nicht anders, wobei man dort ja immerhin die ungefähre Thematik übernommen hatte. Nein, The Black Cat ist im Grunde auch kein passender Titel für den Streifen, aber ließ sich halt besser vermarkten, ne? Wobei man meinen könnte, dass der Schuss nach hinten losging, denn einige zeitgenössische Kritiker regten sich natürlich auf, Poe würde ja schon im Grab rotieren. Bis auf die Tatsache, dass Lugosis Werdegast hier Angst vor schwarzen Katzen hat (und auch das tut beim Plot nicht viel zur Sache) gibt’s keinerlei Ähnlichkeiten zur titelgebenden Vorlage.
Die Credits für das finale Skript bekamen, auch wenn noch weitere beteiligt waren und einige Ideen (u.a, dass ein Mad-Scientist einer Katze ein Menschengehirn einpflanzt!) abgelehnt wurden, Tom Kilpatrick sowie ein gewisser Peter Ruric, die zumindest im Filmgeschäft nicht mehr allzu viel hervorbrachten. Kilpatrick arbeitete zumindest 1940 noch an Doctor Cyclops mit. Aber ihr Skript zu The Black Cat ist eben auch keine absolute Sternstunde. An sich ist die Idee jedoch zweifellos hervorragend: Zwei alte Soldaten, Verrat, Rache. Das ist klassischer, melodramatischer Stoff, angereichert wird das hier nun mit, aus heutiger Sicht, seichtem Satanismus. In Zusammenhang mit Lugosi bekommt das Ganze natürlich noch eine größere Dimension, wenn man bedenkt, dass er auch im ersten Weltkrieg, ja im selben Gebiet (eben Ungarn) kämpfte und verwundet ausschied. An sich ist das schön und gut und für 60 Minuten auch völlig brauchbar. Dennoch schleichen sich hier und da ja doch einige Logikfehler bzw. Ungereimtheiten ein, die den Schaugenuss nicht unbedingt schmälert, aber zeigt, dass der Film mit einem besseren Skript NOCH besser hätte werden können. Es sind einfach zahllose kleinere Fragen. Wieso z.B lässt Poelzig Werdegast frei im Haus herumlaufen, insbesondere während seiner Satanisten-Feier, obwohl er weiß, dass dieser sich an ihm rächen will. Was hat es mit Werdegasts Katzenphobie auf sich? Wann ist er bitte, wenn er nach dem Krieg 15 Jahre in Gefangenschaft war (auch das ist unlogisch: nach dem Friedenschluss hätte er doch freigelassen werden müssen?) bitte der bekannteste Psychologe Europas geworden? Wieso nimmt Poelzig es einfach so hin, dass Werdegasts Diener plötzlich seinen Befehlen gehorcht? Und wieso bricht die eine Satanistin während des finalen Zusammentreffens plötzlich schreiend in Ohnmacht – damit Werdegast genau dann eingreifen kann. Und wenn dieser doch ohnehin seine Pistole dabeihat: Wieso erschießt er Poelzig dann nicht einfach, wieso spielt er dann noch mit ihm eine Runde Schach um Joan? Woher weiß Werdegast überhaupt, dass Poelzig Satanist ist? Und woher kennt er den Schalter, der das Dynamit unter dem ehemaligen Fort aktiviert? Und WIESO hat Poelzig überhaupt einen Schalter in seinem Haus, der alles in die Luft fliegen lässt?
Ok, ok genug der Fragerei. Trotzdem stört es ein bisschen und ich frage mich, wieso Laemmle Junior da nicht ein bisschen mehr drauf geachtet hat, denn viele dieser Fragen hätte man ja ohne weiteres beantworten können. Gerne ein paar Minuten mehr Laufzeit, dafür ein bisschen mehr Hintergrundgeschichte, denn diese ist doch sehr faszinierend und hätte noch mehr Fleisch geboten – diese alte Feindschaft zwischen Werdegast und Poelzig. Stattdessen gibt’s mehrere unnötige Szenen mit dem klischeehaften Leinwandpaar, das nun wirklich niemanden auch nur im Geringsten interessieren dürfte. Sorry, aber wenn Karloff und Lugosi auf der Leinwand sind, sind mir alle anderen Charaktere, gerade wenn’s solche Schablonen wie Joan und Peter sind, mal so völlig egal. Aber nun gut. Nachdem das Skript am Anfang etwas braucht, um an Tempo aufzunehmen, zu Beginn weiß man eben noch nicht, worauf das Skript nun eigentlich hinauswill, wird es am Ende doch noch sehr dynamisch und temporeich – eben zu temporeich. Da hätte man sich wirklich mehr Zeit nehmen sollen, um das Finale, die endgültige Konfrontation von Werdegast und Poelzig, noch stärker unterstreichen zu können. Dafür allerdings haben wir ausnahmsweise mal keinen dauerhaft nervenden Comic-Relief-Charakter, was ja wirklich ein Segen ist. Nur in einer Szene gibt’s eine „humoristische“ Auflockerung durch einen bekloppten ungarischen Polizisten, und das ist noch aushaltbar.
Glücklicherweise haben wir aber auch Ulmer, der alle Facetten seines Könnens zieht. Der Film wirkt an vielen Stellen unheimlich modern, wenn es eine schnelle Schnittabfolge an Close-Ups gibt, bei einer kurzen POV-Fahrt mit dem Auto und auch bei den geschmeidigen Szenen-Übergängen. Hinzu kommt sein expressionistischer Touch, wenn er auf einen wunderbaren, atmosphärischen Schatten-Einsatz setzt. Optisch ist der Film, gerade in Kombination mit dem ungewöhnlichen Set-Design, eine wahre Freude für Genießer stilvollen Schwarzweiß-Horrors. Ohnehin, das Set-Design! Es ist ausnahmsweise mal kein Universal-typischer Gothic-Stil, sondern ein seltsam-moderner Bau, der im Kontrast zum üblichen Horrorfilm-Gewitter steht. Das macht die Story und das Satanismus-Thema aber nur noch effektiver. Da hat Ulmer wahrlich eine tolle Leistung abgeliefert – was ihm nur nicht viel brachte, weil er glaubte, eine Affäre mit der Frau eines Laemmle-Neffen beginnen zu müssen. Das war das Ende seiner Hollywood-Karriere, aber selbst in der Poverty-Row beglückte er uns, wie wir alle wissen, mit Klassikern wie dem Film-Noir Umleitung oder eben auch The Man from Planet X. Auch bewegt er sich gekonnt an der Grenze des Hays-Codes, was sexuelle und sadistische Anspielungen angelangte und überlässt fast alles der Imagination des Zuschauers – was den Moralapostel von Zensoren nicht davon abhielt, trotzdem kräftig zu meckern, etwa auch was die Beziehung des frisch vermählten Ehepaars anging.
Zum Cast: Da konnte Universal ja einiges nichts falsch machen (naja, taten sie später mit Black Friday ja trotzdem). Sowohl Lugosi als auch Karloff agieren hier auf ihrem eigenen Top-Niveau und sind wunderbar aufgelegt. Glücklicherweise sind ihre beiden Rollen hier auch auf Augenhöhe, haben dieselbe Relevanz für den Plot und keiner stielt dem anderen die Show (auch wenn Lugosi während den Dreharbeiten genau davor Angst gehabt haben soll). Fangen wir mal mit Karloff an: Sein Hjalmar Poelzig hat nicht nur einen echt coolen Namen, sondern ist auch ein durch und durch glaubwürdiger Antagonist des besten Kalibers. Den grausamen Satanisten, der gute Miene zum bösen Spiel macht, nimmt man ihm ohne mit der Wimper zu Zucken ab. Eben wegen seines zurückhaltenden Spiels, seiner weisen, langsamen Sprache und dem unterschwelligen Make-Up strahlt er hier echte Bösartigkeit so gekonnt aus wie selten. Lugosi gibt dafür ausnahmsweise mal den netten Mann (auch wenn’s im Skript erst anders vorgesehen war) und Helden, was ihm hier äußerst gut zu Gesicht steht. Zwischen Gentleman (der die Frau im Zugabteil trotzdem sachte an den Haaren streichelt, naja, 30er Jahre eben) und verbitterter Traurigkeit hat er hier einen seiner ganz großen Auftritte. Ok – seine theatralischen Angstattacken wegen der Katzen sind aus heutiger Sicht stark übertrieben, aber gerade deswegen mögen wir Bela so, nicht wahr? Nein, das Team Karloff-Lugosi zieht hier eine wunderbare Show ab. Besonders der finale Kampf in den Katakomben ist eine wahre Freude. Und Belas Spruch „Did you ever seen an animal getting skinned, Hjalmar? That’s what I am going to do to you now. Fare the skin from your body… bit by bit!” mitsamt seiner besonderen Betonung ist ein besonderer Abschluss.
Logisch, dass das „Heldenpaar“ dagegen kein Eindruck schinden kann. David Manners, den wir in ähnlich vergessenswerten Rollen des blassen „Helden“ schon aus Dracula und Die Mumie kennen, tut in der Tat absolut nichts Heldenhaftes – wie auch, wenn Bela den Part übernimmt, Joan zu retten? Eine wirkliche Ausstrahlung hat er nicht, aber er fällt immerhin auch nicht negativ auf. Julie Bishop als Damsel-in-Distress macht ihren Part dafür etwas charismatischer, fällt in der Fülle der austauschbaren ähnlichen Figuren der 30er Jahre Horrorfilmfrauenfiguren (was ein Wort) aber auch nicht auf. Mehr Schauspieler braucht’s da ja auch gar nicht. Mit seinem seltsamen Aussehen und als Berg von Handlanger passt Harry Cording, der in einigen anderen Universal-Filmen dann nur noch Statistenrollen einnahm, auch gut in die Kulisse.
Gesichtet wurde die Blu-Ray von Hansesound im Mediabook zu Der Rabe. Eine Schande, dass er dort nur als Bonus-Feature drauf ist, denn im Gegensatz zu Der Rabe hat er doch schon eine größere Relevanz. Naja. Die Bild- und Tonqualität ist aber hervorragend, sehr scharf und kontrastreich, wie es sein sollte.
Fazit:
The Black Cat ist zu Recht ein Fan-Favorit geworden. Lugosi und Karloff sind großartig, die Inszenierung von Edgar G. Ulmer ist sehr ansehnlich, auch wenn das Skript ein paar Schwächen aufweist. Insgesamt gilt aber selbstverständlich: (Horror)-Filmfans müssen zugreifen!
7,5/10 Punkten.