Original-/Alternativtitel: Midnight Shadow
Jahr: 1939
Regisseur: George Randol
Schauspieler: Laurence Criner (Prinz Alihabad), Richard Bates (Lingley), Frances Redd (Margaret Wilson), Clinton Rosemond (Margaret Wilson), Jess Lee Brooks (Seargent Ramsey)
Vorwort:
Weiterhin befinden wir uns in den Untiefen des drittklassigen Schotterfilms von früher. Und wer dachte, dass es nach Monogramm und co nicht noch schlechter werden könnte… der wird heute eines Besseren belehrt…
Poverty-Row-Mysteries 2026: Review Nr. 3
Inhalt:
Eine Texttafel zu Anfang informiert:
„In the southern part of our country, lies that great land of romance and sunshine, known as the Old South. Here amid fertile fiels, vast areas of timber, oil lands and rippling rivers, live millions of black men and women in the most highly concentrated are of negro population.
Here in certain communities, the like of which is found no where else in all the world. These people of darker hue have demonstrated their abilities in self-government by the orderly processes of law of which they are capable when unhampered by outside influences.
It is in a community such as one of these that the secene of our story is laid, and the events which follow are depicted”
Ob das historisch jetzt so korrekt ist, wage ich nun zumindest zu bezweifeln. Für die nachfolgende Story hat sie aber ehedem keinen Einfluss, und dass das Ganze in Texas spielen soll, auch nicht. Denn von Texas sieht man nix. Aber nun zur „Story“:
Der reisende Zauberkünstler Prinz Alihabad will um die Tochter der Wilsons, Margaret, Hand anhalten. Diese sind skeptisch, denn auch ein Freund der Familie, Buster, gedenkt sie zu heiraten. Doch Margaret entscheidet sich für den Prinzen. Kurzerhand wollen sie am nächsten morgen verschwinden, doch in der Nacht bekommt Alihabad die Nachricht, offenbart von Margaret geschrieben, dass diese ihre Eltern nicht kränken will, und deswegen von einer Heirat mit ihm absieht.
In der Nacht läuft dann ein Unbekannter im Haus der Wilsons umher. Am nächsten morgen ist Mr. Wilson tot und seine wertvolle Grundstücksaktie verschwunden. Seargent Ramsey schaltet sich ein, ebenso wie ein Hobby-Detektiv-Duo…
Besprechung:
Da habe ich ja wieder was ausgegraben. Ich suchte weiterhin nach Futter für die Poverty-Row-Mystery-Filmreihe. Wenn man da keine Ahnung hat, was man schauen kann oder könnte, genügen zwei Klicks auf Letterboxd. Sortieren nach „Mystery“ und dann wahlweise auf „1930s“ oder „1940s“ switchen. So fand ich Midnight Shadow. Dabei handelt es sich allerdings nicht um einen weiteren Monogramer, eine Produktion von PRC oder gar von Republic Pictures. Nein, ich hätte nicht gedacht, dass es noch weiter nach unten gehen könnte. Nun befinden wir uns wirklich ganz, ganz am Ende der Poverty-Row. Nein, man muss es verbildlichen: Man fährt die Poverty-Row entlang. Da sind die Studios von PRC, Monogram, Republic und so weiter. Man fährt weiter und weiter und endet in einer Sackgasse (karrieretechnisch war die Poverty-Row schließlich genau das: Eine Sackgasse). Dann aber findet man doch noch eine kleine Gasse, einen Schotterweg, der einen bis ganz ans Ende der Low-Budget-Kinos von früher bringt. Auf eine Ebene, von der man noch gar nicht wusste, dass sie überhaupt existierte.
Gleichzeitig kann ich mit Midnight Shadow ein weiteres Thema abdecken. Die „All-Black“-Filme der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Es tut mir leid, aber diese sind zwangsläufig nun mal nochmal eine Stufe unter der Poverty-Row, wobei die Afroamerikanischen Filmschaffenden dafür per se natürlich nichts können. Schließlich hatten sie kaum Mittel, irgendwie größere Projekte eigenständig umzusetzen. Dementsprechend sanken die Budgets hier noch stärker und die Production-Values waren noch geringer als PRC, man mag es kaum für möglich halten.
Es ist ein äußerst interessanter Teil der Filmgeschichte, der bis heute ziemlich im Schatten steht. Wenn man sich etwas mit „älteren“ Filmen auseinandersetzt, stößt man zwangsläufig auf die rassistisch-angehauchten Comic-Reliefs, die sich in leider zahlreichen Streifen der Majors und der Poverty-Row tummelten. Leute wie Mantan Moreland und Stepin Fetchit (Schneeschuh aus Charlie Chan in Ägypten, den ich immer dann erwähne, wenn es um diese Art von Comic-Relief Figuren geht. Der ist nun mal das größte, abschreckende Beispiel) bauten darauf ja ganze Karrieren auf, und dunkelhäutige Charaktere mussten entweder so etwas spielen, oder waren auf kleinere Nebenrollen reduziert, wie Butler oder Chauffeure. Zumindest bis man dies Anfang der 60er Durchbrach und Sidney Portier als erster Afroamerikaner wirklich seriöse Rollen in seriösen Filmen bekam.
Davor jedoch liegen 50 Jahre Afroamerikanischer Filmgeschichte im Dunkeln. Wie erwähnt gab es aufgrund der Rassentrennung in den USA eine ganze „Subkultur“ an Afroamerikanischen Filmeschaffenden, die sich auf „All Colored Cast“ (so stand es oft auf den zeitgenössischen Plakaten) bzw. „Race Films“, wie sie oft genannt wurden, beschränkten. Abseits des Hollywood-Studiosystems versuchten sie unter schwierigsten Bedingungen, etwas auf die Beine zu stellen.
Ich kenne mich freilich damit nicht aus, das ist nur eine grobe Übersicht. Da ich mich auf Horrorfilme spezialisiert habe, ist es natürlich naheliegend, dass ich mir hier für diese Seite die „All Colored Cast“-Filme dieses Genres anschaute. Denn auch sie gab es! Der erste dieser Art, Son of Satan von 1924, ist leider verschollen. Danach gab es bis Ende der 30er Jahre immer wieder vereinzelte Genre-Beiträge der Afroamerikaner, die bis heute obskur und vergessen sind, darunter: Drums O’Voodoo (1934), Chloe, Love is Calling You (1934), The Devil’s Daughter (1939) sowie Son of Ingagi (1940). Soweit ich das überblicke, sind dies auch die einzigen reinrassigen (non pun indented. Ehrlich nicht, das ist mir erst beim Schreiben aufgefallen!!!) Race-Horrorfilme. Abzugrenzen ist der „Race-Film“ selbstverständlich vom späteren „Blaxploitation“-Phänomen der 70er Jahre, wo die Idee, alle möglichen klassischen Horrorfiguren von dunkelhäutigen Darstellern spielen zu lassen (Blackenstein, Blacula etc. Wäre auch mal eine nette Review-Reihe) abzugrenzen. Da war das ja ein freiwilliges Gimmick.
Wie auch immer, Midnight Shadow ist einer dieser „Race-Filme“ und ebenso ein Mystery-Whodunit, also passt er ja in unsere Reihe. Auf die Beine gestellt wurde diese Chose von einem gewissen George Randol, der 1938-39 mit seinem eigenen Produktionshaus drei Race-Filme produzierte. Mich würde ja mal interessieren, wo die so gelaufen sind? Auch als Akteur war er in einigen Filmen zu sehen, darunter in dem obskuren (wobei sich das ja alles irgendwie gegenseitig bedingt) Harlem on the Prairie, gedreht von Sam Newfield, in welchem Mantan Moreland einen Cowboy spielt. Das Ding wurde tatsächlich alks „first all-colored Western“ vermarktet und war zudem noch ein Musical! Verrückter geht’s ja gar nicht. Wir erinnern uns außerdem: Sam Newfield (wohlgemerkt ein Weißer mit Deutschen Wurzeln) drehte ja auch Terror of Tiny Town, in dem nur Kleinwüchsige mitspielen. Das wäre ja mal ein Double-Feature… hier paktierte er mit einem gewissen Alfred N. Sack (deswegen steht im Vorspann auch: „Sack Amusement Enterprises“. Haha), der wesentlich umtriebiger im Filmgeschäft war. Er produzierte neben schon erwähnten Son of Ingagi auch einen All-Black religiösen Propagandafilm (!) namens The Blood of Jesus (der wandert hiermit auf meine Watchlist).
Jedenfalls waren Mystery-Filme 1939 eh schwer angesagt, also machte sich auch der „All Colored“-Cast daran, einen solchen Umzusetzen. Wie erwähnt: Die Bedingungen waren sicherlich alles andere als gut. Das entschuldigt aber nicht, was uns hier präsentiert wird. Nach zahllosen Poverty-Row-Filmen erschüttert mich nichts mehr, und Nein, auch Midnight Shadow hat mich nicht „erschüttert“, aber es zeigt halt gut, dass sich die Dunkelhäutigen Filmschaffenden nicht von den weißen Filmschaffenden unterschieden, was Dusseligkeit und Stuss angeht.
Es liegt ja nicht mal daran, dass die Story wirr oder konfus wäre. Sie ist ja sogar sehr, sehr simpel und das „Whodunit“-Prinzip wird auf das Einfachste heruntergebrochen. Zwei Leute wollen dieselbe Tochter heiraten, deren schwerreicher Vater anschließend ermordet wird (wohlgemerkt sieht man weder Leiche noch Mord, aber egal. Das wird alles nur beschrieben. So geht eben „Show, dont tell“, äh, oder so ähnlich). Daraus kann man einen billigen Poverty-Row Reißer basteln, ohne dass man sich einen Bruch heben müsste. Die Ingredienzien sind ja vorhanden. Inklusive der bescheuerten Comic-Reliefs. Offenbar brauchte es keinen dummen weißen Produzenten, der irgendwelche Dunkelhäutigen Schauspieler anheuerte, um ihnen dämliche Witzbolde auf den Leib zu schneidern, die im Drehbuch nix zu tun haben außer dumm rum zu blödeln. Das haben die Afroamerikanischen Produzenten, in diesem Falle Sack und Randol, ganz alleine geschafft. Gleich zwei bekloppte Vollidioten hat Randol (der den Stuss auch zu Papier brachte) ins Skript geschrieben.
Ohnehin, das Skript, das ist das zentrale Problem des Films. Wo fange ich da an? Die ersten 15 Minuten sind ein Melodram (Zwei Leute buhlen um dieselbe Frau), dann wird’s ein bisschen „Mystery“, wenn des Nachts ein Unbekannter in das Haus der Wilsons eindringt. Danach könnte man meinen, es wird ein Whodunit, denn es gibt offensichtliche Verdächtige und auch ein Seargent Ramsey schaut vorbei, um den Fall zu lösen. Aber nix mit Untersuchungen oder Ermittlungen! Stattdessen übernimmt zur halbe Stunde Marke (von nur 52 Minuten Gesamtlaufzeit!!!) das absolut unfähige „Detektiv“-Duo, Lingley Junior und der Typ mit dem Hut, dessen Name ich nicht mitgekriegt habe. Die beiden machen selbstverständlich nichts von Belang. Während Lingley Junior überall mit der Lupe nach Fingerabdrucken sucht, auch unter dem Bett, macht der andere Kerl nix und steht nur rum. Ein paar Minutenlange Slapstick-Einlagen (einer der beiden trägt dann ernsthaft ein Sherlock Holmes Kostüm und raucht Pfeife. Dann gibt es Szenen, wie der andere zehn Sekunden dumm rum guckt) reduzieren die Laufzeit, in der etwas von Bedeutung passiert, sicherlich auf eine Dreiviertelstunde. Am Ende schnappen sie den Mörder tatsächlich, bzw. läuft er ihnen in die Arme. Das ganze Whodunit-Prinzip erweist sich zu Schluss als grober Unfug, denn der Mörder ist ein völlig Unbekannter, der mit niemandem der Beteiligten auch nur im entferntesten Sinne etwas zutun gehabt hätte. Er klaut die Aktie von Vater Wilson, und geht damit zum nächstbesten Öl-Händler (oder wie auch immer man das nennt. Halt eben zu dem Mann, der die Grundstücke da verwaltet), wo prompt Seargent Ramsey (oder war es ein anderer Polizist? Ich meine, da liefen zwei um, ich krieg’s echt nimmer zusammen) auftaucht, um diesen festzunehmen. Und dann behaupten am Ende alle, dass Lingley Junior und sein Kollege den Mörder dingfest gemacht hätten, obwohl sie absolut nichts gemacht haben. Ok, eigentlich tut hier keine Figur irgendwas.
Das ist kein Mystery mehr, das ist kein Whodunit, das ist einfach, ja, einfach nix. Da ist überhaupt kein Inhalt mehr. Am Anfang gibt’s eine sinnlose Exposition, die man sich aufgrund des aus dem Hut gezauberten Endes hätte sparen können, und der Rest ist sinnloses Gequatsche und Rumgeeiere des Detektiv-Duos. Die einzige potenziell interessante Figur, Prinz Alihabad, der zu Anfang, und so suggeriert es auch das Plakat, der Hauptantagonist sein könnte, wird ebenso verheizt. Er taucht nach dem Mord bis zum Schluss nicht mehr auf und als Finale schlägt ihn Lingley Junior ohne erkennbaren Grund einfach nieder und alle freuen sich. Hab’ ich da was nicht mitbekommen oder hat Randol ein paar Szenen im Drehbuch vergessen, in denen erklärt wird, was genau Alihabad jetzt gemacht hat? Egal.
Das Skript also ist Kappes, von vorne bis hinten. Es kriegt keine der begonnenen Genres hin und versagt auf allen Ebenen. Handwerklich sieht es, selbstverständlich, nicht anders aus. Inwiefern Randol im Show-Business aktiv war, keine Ahnung, man hat offenbar nicht viele Informationen über ihn, aber im Filmgeschäft war er zu diesem Zeitpunkt noch nicht lange. Das wirkt mal wieder einfach wie ein abgefilmtes Bühnenstück einer drittklassigen Theaterentourage in der Provinz. Da fehlts komplett an Gespür für Atmosphäre, die ja durchaus vorhanden gewesen wäre. Mit der Figur des Prinz Alihabad, einem mysteriösen Zauberkünstler, und einer umherschleichenden Unbekannten, hätte man etwas herausholen können. Weder sieht man die Zaubertricks von Alihabad, noch, dass Randol irgendwie das Interesse hätte, Tempo oder Ideen in seine Produktion zu bringen. Lustig, in Anführungszeichen, ist, dass zwei Mal (wenn ich richtig mitgezählt habe) einfach im Dialog der Figuren weggeschnitten wird. Das habe ich bisher selbst bei Monogram oder PRC noch nicht erlebt.
Die Schauspieler machen ebenfalls keine Anstalten, ihren „Figuren“ leben einzuhauchen. Bis auf das Detektiv-Duo und Tochter Wilson agieren die Akteure ausgesprochen hüftsteif. Vor allem Laurence Criner, der die potenziell interessanteste Figur spielt, eben Alihabad, wirkt sogar gelangweilt und absolviert seinen Part ohne jedwedes Gefühl. Er war, soweit ich das sehe, auch der Einzige, der eine erwähnenswerte Karriere hatte. Über das Theater und der Teilnahme an zwei Weltkriegen spielte er z.B auch in Monograms King of the Zombies. Der Großteil des Casts war entweder auf Statistenrollen beschränkt oder tauchten davor oder danach nie wieder vor der Kamera auf. Wie gesagt: Es hat das Niveau eines billigen Theaters.
Aber, und jetzt kommt das aber: Als solches hat es irgendwie, ich weiß nicht, Charme will ich nicht sagen, seine Faszination. Filmhistorisch dient es als Kapsel in eine gänzlich andere Zeit, die ziemlich oft übersehen wird.
Fazit:
Was sagen wir, also ich? Ich hatte schon Angst, dass mir zu Midnight Shadow nicht genug für eine Review einfallen würden. Falsch gedacht, das Schreiben hat mir (fast) genauso viel Spaß gemacht (wenn nicht sogar mehr) als das Schauen des Filmes! Aufgrund der mickrigen Laufzeit von nur 52 Minuten, das absolute Minimum für „Spielfilme“ damals, gelingt es Randol, wenn auch eher unfreiwillig, keine Langeweile aufkommen zu lassen. Dem Film haftet eine obskure Aura an, sodass es filmhistorisch interessierten Fans von cineastischen Seltsamkeiten genügend dürfte, eine einmalige Sicht anzutreten. Die Story ist aufgrund ihrer Ziellosigkeit fast schon wieder originell, und das Comic-Relief Duo so plakativ unnötig und dämlich, das es mal wieder fast, aber auch nur fast, lustig wäre. Man sollte jedoch an die Niederungen der Poverty-Row gewöhnt sein. Ich glaube, wenn man sowas jemanden vorsetzt, der nur Marvel und co schaut, der würde schon nach fünf Minuten im Delirium landen…
5,0/10 Punkten.

