Original-/Alternativtitel: Dr. Jekyll and Mr. Hyde

Jahr: 1931

Regisseur: Rouben Mamoulian

Schauspieler: Frederic March (Dr. Jekyll / Mr. Hyde), Miriam Hopkins (Irvy), Rose Hobart (Murial Carew), Halliwell Hobbes (Mr. Carew), Edgar Norton (Dr. Jekyll’s Butler)

Vorwort:

Da wird mein großer „Review-Plan“ für 2026 schon Ende Januar so ziemlich über den Haufen geworfen. Entstanden ist er ja eigentlich, weil ich Anfang des Jahres keine allzu große Motivation für Horrorfilme (kaum zu glauben) verspürte, und mich deswegen ausnahmsweise mal auf andere Genres fokussieren wollte, die, bisher, auf dieser Seite viel zu kurz kamen. Ein paar dieser Reviews sind ja schon draußen (zwei Charlie Chan Kritiken, eine Review zu einem Kriegsfilm mit John Wayne und eine Monogram-Thriller-Kritik – falls die Reviews tatsächlich in der Reihenfolge erscheinen, wie ich sie geschrieben habe. Edit im Nachgang: Nein, kamen sie nicht).

Aber wie es sich jetzt zeigt, komme ich vom Horror vielleicht doch nicht los, und das ist gut so. Nachdem ich kaum Lust auf andere Werke verspürte, bzw. in meiner Sammlung und auf Netflix und Amazon nichts fand, was mein spontanes Interesse erregt hätte, kam ich ganz unvorhergesehen, wie so oft, zum Horror zurück. Und dieses mal ist es dann sogar ein Werk gewesen, ein großer Klassiker, das man als Fan der Horrorgeschichte ohnehin gesehen (und gelesen) haben muss: Dr. Jekyll und Mr. Hyde!

Inhalt:

Die dritte offizielle Verfilmung des klassischen Horror—Romans. Der angesehene Londoner Arzt Dr. Jekyll braut einen Trunk, der, einmal eingenommen, die dunkle Seite der Seele offenbart. Fortan verwandelt er sich von Zeit zu Zeit in den grausamen Mr. Hyde und seine Seele findet sich im Kampf zwischen Gut und Böse wieder.

Besprechung:

Nachdem Universal mit Dracula und Frankenstein 1931 absolute Mega-Knüller herausgebracht, und damit die legendäre Goldene Ära des klassischen Horrorfilms einläutete, dünkte es jedem anderen Hollywood-Studio (den kleinen wie großen), es ihnen gleichzutun. Eine Hülle und Fülle an Horror-Streifen, in ihrer subjektiven und objektiven Qualität sehr unterschiedlich, war die Folge – aber da erzähle ich den Horrorfreunden kaum etwas neues.

Das Studio, das neben Universal die hochwertigsten und auch bis heute erfolgreichste Horrorfilme produzierte, war zweifellos Paramount. Neben Dr. Jekyll und Mr. Hyde drehten sie auch die erste richtige Adaption von H.G Wells Science-Fiction Klassiker Die Insel des Dr. Moreau (The Island of Lost Souls mit Charles Laughton und Bela Lugosi), Supernatural (gedreht vom White Zombie Regisseur Victor Halperin) und Murders in the Zoo mit Lionel Atwill (den ich schon besprochen habe und der irrigerweise in der Universal Horror Collection Vol. 2 befindet). Lediglich drei große Horrorfilme, doch insbesondere Dr. Jekyll und Mr. Hyde sowie Island of Lost Souls sind heute cineastische Klassiker und fest im Horror-Bereich verankert.

Nach den Erfolgen von Dracula & Frankenstein beeilte sich Paramount besonders mit ihrer Literatur-Verfilmung. Dracula hatte im Februar Premiere, Warner Bros setzte mit Svengali im Mai ebenfalls noch einen Horrorfilm nach und Frankenstein erschien im November. 1932 erschienen in den USA dann gleich sechs hochkarätige Horrorstreifen. Paramount befand sich also mitten im Anfang des Horror-Hypes, als die Dr. Jekyll und Mr. Hyde Ende Dezember 1931 auf das nach Shock & Sensation gierige Publikum losließen.

Außerdem setzten sie damit den Trend der klassischen Literatur-Adaptionen fort. Zu Beginn der Horrorwelle war das Genre noch jung und kaum ausgeschöpft, sodass man ohne Bedenken aus dem großen Kanon der Schauerliteratur schöpfen konnte. Gut, Dracula war schon mit Nosferatu verfilmt worden, aber dieser wurde nicht als solcher verkauft und fand in den USA keine allzu große Verbreitung. An den Frankenstein-Kurzfilm von 1910, Anno 1931 sowieso schon höchstwahrscheinlich verschollen, erinnerte sich eh keiner mehr: Logisch war da der Entschluss der Paramount-Produzenten, auf den dritten großen Klassiker des modernen Horrors zurückzugreifen. Und das ist Dr. Jekyll und Mr. Hyde, geschrieben von Louis Robert Stevension 1886, ja zweifellos, auch wenn er den etwas vergessenen dritten Platz einnimmt. Dracula und Frankenstein kennt heute jeder, auch wenn er keine Berührungspunkte mit Horror hat, die beiden Gestalten sind zweifelsfrei Bestandteil der modernen Popkultur geworden. Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind da doch, gerade heute, etwas nischiger und weniger bekannt als die beiden anderen Figuren, bildet mit ihnen aber dennoch die Grundlage des modernen Horrors und ihrer in den kommenden Jahrzehnten immer wieder verwendeten Versatzstücken. Nicht ohne Grund gibt es praktisch ein ganzes Subgenre, das man „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ nennen könnte (so wie ich es in meiner Übersicht des phantastischen Filmes tue), und in dem es darum geht, dass zwei Persönlichkeiten, eine gute und eine böse, in einer Figur leben. Bis in die 1950er war das ein immer wieder aufgegriffene Thematik, danach erstarben die Dr. Jekyll und Mr. Hyde Epigonen etwas, während Dracula und Frankenstein in anderer Form bis heute immer und immer wieder rezipiert werden. Wann gab es denn die letzte größere Verfilmung, die die Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Grundidee verwendet?

Die Buchvorlage habe ich, selbstverständlich, inzwischen auch gelesen. Mit nur knapp 120 Seiten ist es auch kürzer als Dracula und Frankenstein, und hat mich, persönlich, auch nicht unbedingt vom Hocker gehauen. Damals dürfte es deutlich spannender gewesen sein, aber auch heute taugt es noch als annehmbare Gothic-Unterhaltung, das weniger von seiner intelligenten Ausarbeitung oder von tiefschürfender Philosophie lebt, als von der damals revolutionären Grundidee. Aber das ist bei Dracula und Frankenstein auch nicht anders, wobei letzterer meiner Meinung nach weiterhin das beste klassische Horrorbuch ist, das auch tiefere Philosophie als die anderen beiden bietet. Aber das ist nur meine Meinung.

Tatsächlich war Dr. Jekyll und Mr. Hyde damals das einzige klassische Stück Horrorliteratur, das man sauber in einem Langfilm adaptiert hatte. Und das gleich zwei Mal in einem Jahr. Am bekanntesten ist die Version mit John Barrymore, sehr unbekannt hingegen ist die B-Variante mit einem gewissen Sheldon Lewis in der Hauptrolle.

Ich habe noch keine der beiden gesehen.

Das Publikum 1931 war mit der Story also ohnehin schon bekannt, und so hält sich das Skript auch nicht damit auf, zu erklären, warum Dr. Jekyll seinen zusammgebrauten Trank da trinkt und was genau es bewirkt. Es hat mich doch etwas überrascht, denn irgendwie geht der Film einfach davon aus, dass das Publikum schon weiß, was es mit der Verwandlung auf sich hat. Am Anfang palavert Dr. Jekyll zwar davon, dass in jedem Menschen zwei Ebenen schlummern, aber sein Plan, ein Mittel zu produzieren, das die dunkle Seite wachruft, wird nicht erwähnt – auf einmal hat er so ein Mittel nun mal und probiert es promot an sich selber aus. Aber das ist auch gut so, denn das Skript selber ist geradlinig und hat ordentlich Tempo, über die ganzen 96 Minuten hinweg. Die Schreiberlinge Percy Heath (schrieb diverse romantische Melodramen) und Samuel Hoffenstein (Laura, die 43er Universal-Version von Das Phantom der Oper) halten sich aber auch nicht sklavisch an die Buchvorlage, sondern passen das Gerüst sinnvoll dem neuen Medium an. Eine Romanze darf nicht fehlen und bringt die zusätzliche Melodramatik und Spannung in die Story. Auch der Aufbau wird umgeworfen und die ganze Vorgeschichte aus dem Buch, dass man auf die Spur von Mr. Hyde aus der Perspektive eines Außenstehenden kommt, fehlt. Der Fokus liegt hier mehr auf Dr. Jekyll und seinem buchstäblichen inneren Kampf, sodass sich die Dramatik bezüglich der Romanze perfekt ausspielen kann. Da ohnehin schon jeder weiß, dass Dr. Jekyll auch Mr. Hyde ist und umgekehrt, spart man sich dementsprechend die Zeit mit dem unnötigen Rätselraten oder dem Versuch, aus dem ganzen einen Mystery-Thriller zu machen. Im Buch ist diese Identität des wahnsinnigen Mr. Hyde ja längere Zeit unbekannt.

Während im Buch auch keine einzige Frau von Bedeutung auftritt (außer vielleicht am Rande mal in einer Bar als „böse Versuchung), werden hier gleich zwei unterschiedliche Frauen eingebaut, die jedem der Persönlichkeitstypen von Dr. Jekyll zugeordnet sind. Seine Verlobte Muriel, die an den guten Dr. Jekyll glaubt – und die Prostituierte (auch wenn dieses Wort 1931 natürlich nicht verwendet wird) Ivy, die vom bösen Mr. Hyde terrorisiert wird. Dadurch erhält die Teilung von Dr. Jekyll auch einen äußeren Faktor, er teilt sich praktisch in beide Gesellschaftsformen auf: In die edle, in der Etikette ganz oben stehen, die Welt der Gentlemen. Und dann in die untere, lustvolle, in der es nur um Amüsement geht, und in der es Mr. Hyde ganz klar ablehnt, ein solcher „Gentleman“ zu sein. Auch passende Dialoge werden für beide Welten geboten.

Neben dem gelungenen Skript merkt man dem Streifen die Major-Produktionsumstände immerzu an. Die Atmosphäre ist hervorragend, die Sets und Bauten, die ein viktorianisches London darstellen wollen, authentisch, obwohl man von diesem London gar nicht mal so viel zu sehen bekommt: Auf der einen Seite dunkle Gassen und eine Kneipe, auf der anderen Seite die edlen Häuser der „Gentlemen“ – aber auch das macht im Kontext der Story natürlich Sinn. London ist so zweigeteilt wie es Dr. Jekyll und Mr. Hyde sind, auch wenn man diese Ambivalenz, Reichtum und Armut, „Etikette“ und „moralischer Zerfall“ gerne noch stärker hätte hervorheben können. Aber das wäre für den Jahrgang 1931 wahrscheinlich etwas zu sozialkritisch geworden.

Besonders schön ist natürlich auch das Mad-Scientist-Labor von Dr. Jekyll geworden, eine Wonne für jeden Freund von altmodischem Horror. Da Blubbern die Flüssigkeiten in den Glaskolben und Dr. Jekylls mysteriöser Trank zischt und brodelt, was das Zeug hält. Was den Film aber bis heute ebenfalls absolut faszinierend macht, sind die Spezialeffekte. Die Verwandlung von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde sind so flüssig und ineinander übergehend gestaltet, das sollte man danach Jahre so nicht mehr sehen (übrigens auch nicht in Universals Der Wolfsmensch von 1941). Mit geschicktem Kameraeinsatz und revolutionärem Make-Up gelingt hier ein echtes Meisterstück der On-Screen Verwandlung, die damals, und zugegebenermaßen auch bis heute, seinesgleichen in Sachen Atmosphäre sucht. Der feine Dr. Jekyll wird zum affenartigen (das Vorbild war wohl ein Neandertaler), der auch nicht lächerlich oder zum lachen aussieht (was manche bei Der Wolfsmensch vielleicht anders sehen könnten), was durchaus hätte passieren können. Vielleicht hätte man es etwas dezenter gestalten können, aber auch wenn die Transformation vollendet ist, bleibt die Maske sehr cool: Mit den spitzen Zähnen, den Haaren und dem nach hinten spitz zulaufendem Kopf, wie Gorillas sie haben. Ja, das fantastisch. Lediglich bei der finalen Verwandlung und bei der Rückverwandlung wird mit Überblendungen gearbeitet, sodass das Ganze weniger flüssig abläuft, aber das wird sicherlich produktionstechnische Gründe gehabt haben. Bei den anderen Verwandlungen verfärbt sich Dr. Jekylls Gesicht vor laufender Kamera, sein Gesicht verändert sich, die Kamera filmt aber auch mal auf seine Hände, sodass man das Gesicht nicht sieht (wohlgemerkt aber alles in einem Shot, ohne Schnitt); ich vermute, dass in den Sekunden, in denen die Kamera nicht auf Dr. Jekylls Gesicht filmt, dort noch irgendwas gemacht wurde?

Hinzu kommt eine allgemein äußerst überzeugende Kameraführung vom Altmeister Karl Struss (der auch Paramounts Die Insel der verlorenen Seelen photographierte) auf einem beeindruckenden technischen Niveau. Die häufige Nutzung von POV-Shots (gerade am Anfang) dürfte es davor noch nicht gegeben haben, und auch die Schnitte, in denen man für kurze Zeit zwei einzelne Szenen gleichzeitig sieht (da gibt’s bestimmt auch einen Spezialbegriff für, der mir aber gerade entfallen ist), sind fein geworden, ebenso wie die Close-Ups der Figuren. Ansonsten ist die Kamera sehr ruhig, hält in den energetischen Dialogen, z.B. wenn Mr. Hyde Irvy psychisch foltert, längere Zeit drauf, damit sich das ganze theaterhaft entfalten kann. Etwas seltsam, das Regisseur Rouben Mamoulian danach nicht mehr allzu große Erfolge hatte (zumindest retroperspektiv), denn er drehte auch nicht mehr besonders viele Filme. Sein zweitbekanntester Film dürfte Queen Christina mit Greta Garbo sein.

Dem hohen Niveau werden auch die Akteure gerecht. Nach seiner mit einem Oscar-gewürdigten Rolle baute er sich eine langfristige, erfolgreiche Hollywood-Karriere als Charakterdarsteller und verfiel, wie manch andere, in die Typecasting-Falle. Tatsächlich spielte er nie wieder eine Horrorfigur. March weiß beide Parts seiner Doppelrolle mit Leben zu füllen: Den zuerst energetischen, dann nervösen und mit pathos gefüllten Dr. Jekyll, dann den bösartigen, diabolischen Mr. Hyde. Seine Dialoge mit der von ihm geopeinigten Irvy reißen einen geradezu mit, denn auch Miriam Hopkins weiß ihre Rolle glaubwürdig und mit reichlich authentischen Emotionen zu füllen. Im Gegensatz zu March war ihre Karriere nicht von mehreren großen weiteren Erfolgen gekrönt: 1970 spielte sie z.B noch im B-Horrorfilm Savage Intruder mit (den ich auf Blu-ray in der Sammlung habe). Ebenso glaubwürdig in ihrer Rolle ist Rose Hobart mit ihrer Murial, die weiterhin fest an Dr. Jekyll festhält. Sie hingegen blieb im Horror verhaftet und tingelte durch diverse B-Horrorfilme (u.a den ziemlich öden The Soul of a Monster, wo sie immerhin die Hauptrolle innehatte). Edgar Norton füllt die Rolle des Dieners Poole ebenfalls sehr gut aus (er spielte auch den Diener in Son of Frankenstein) und Halliwell spielt Murials Vater mit genügend gutbürgerlichem Schneid.

Zu guter Letzt lässt sich anhand von Dr. Jekyll und Mr. Hyde auch sehr gut ausmachen, wo später der berüchtigte Hays-Code ansetzte. Als Precode-Horrorfilm ist Dr. Jekyll und Mr. Hyde ausgesprochen Frivol. Zwar wird nie ausgesprochen, wonach es dem „triebgesteuerten, dunklen“ Teil des Menschen dürstet, aber die Andeutungen sind klar und überraschend offen. Kein Wunder, dass der Film für Re-Releases unter dem Hays-Code teilweise um 15 Minuten verstümmelt wurde. Umso ein größeres Flück für uns, dass wir den Streifen heute unzensiert zu sehen bekommen!

Fazit:

Das Jahr 1931 war für den Horrorfilm wohl eines der besten. Mit Dracula, Frankenstein und eben Dr. Jekyll und Mr. Hyde kamen gleich drei absolut hochkarätige Klassiker in die Lichtspielhäuser, die allesamt auch heute noch für Spaß und Faszination sorgen. Dr. Jekyll und Mr. Hyde ist in Sachen Popularität etwas in Rückstand gegenüber den Universal-Filmen geraten, muss sich vor ihnen aber keinesfalls verstecken.

7,5/10 Punkten.