Die Piraten vom Todesfluss
Original-/Alternativtitel: Pirates from Blood River
Jahr: 1963
Regisseur: John Gilling
Schauspieler: Christopher Lee (Kapitän LaRoche), Kerwin Mathews (Jonathon Standing), Andrew Keir (Jason Standing), Michael Ripper (Erster Maat Mack), Oliver Reed (Pirat)
Vorwort:
Es wird ein bissl wärmer, ein bisschen sonniger – freundlicher wird es draußen. Dem passe ich meine Filme an und statt weniger angestaubten Poverty-Row Quatsch oder Universal-Horror gibt’s nun Filme, die ein bisschen „moderner“ wirken (bzw. nicht so extrem alt). Ich meine, man sitzt ja nicht im Zimmer, während draußen die Sonne scheint und schaut Dracula oder so. Zum Frühlingsanfang werde ich bald auch noch eine Liste machen für Filme, die zum Sommer passen, da habe ich einige Ideen.
Jedenfalls überlegte ich, was ich denn noch so Passendes in der Sammlung habe. Und da fiel mir The Pirates from Blood River aka Die Piraten vom Todesfluss ein, ein spaßiger (so hoffte ich zumindest) Piraten-Abenteuer von 1962. Von Hammer mit Christopher Lee! Das kann doch eigentlich nur etwas werden, oder?
Inhalt:
Auf einer Insel in der Karibik, irgendwann im 17. Jahrhundert, haben sich eine Schar Hugenotten unter der Anführung der Standing-Familie angesiedelt. Doch ein paar Generationen später hat sich der Traum von Freiheit und Glück nicht realisiert: Das Dorf befindet sich im Griff der religiösen Älteren, die ihre Ideologie durchdrücken wollen. Eines Tages trifft es den jungen Jonathon Standing, der mit der Frau einer der Ältesten zusammen im Wald erwischt wird.
Jonathon wird vor Gericht gestellt, dem sein Vater Jason Standing vorsteht. Auch wenn es ihm schwerfällt, verurteilt er seinen Sohn zu 15 Jahren in einer Strafkolonie. In den folgenden Monaten muss Jonathon dort Schikane, Gewalt und harte Arbeit ertragen. Eines Tages wagt er die Flucht und tatsächlich entkommt er den Wärtern, die ihn suchen. Doch er gerät sofort in das nächste Schlamassel und trifft auf den Piratenkapitän LaRoche und seine Bande. Dieser gibt sich zu Anfang nett und freundlich und gibt vor, nur einen Ort in der Karibik suchen zu wollen, an dem er und seine Bande Rast machen können. Wohl oder Übel muss Jonathon ihm sein Heimatdorf zeigen, denn auch er will die Ältesten dort besiegen. Doch schnell zeigt sich das wahre Gesicht von LaRoche und seinen Leuten, die die erstbeste Farm in der Nähe überfallen und die Frauen vergewaltigen wollen. Als Jonathon dies verhindern will, wird erneut zum Gefangenen. Es kommt zum Kampf um das Dorf und LaRoche kann es schließlich einnehmen. Die Bewohner ergeben sich, doch LaRoche wittert einen Schatz in der Nähe: Jeden Tag sollen zwei der Dorfbewohner gehängt werden, bis LaRoche erfährt, wo der Schatz der Hugenotten ist…
Besprechung:
Ja, The Pirates from Blood River befindet sich in „Death & Decent”-Hammer-Box von Indicator, die ich bereits vor einer gefühlten Ewigkeit mir importieren ließ. Abgesehen davon, dass es optisch eine wunderschöne Box für einen guten Preis ist (bzw. war, sie ist, wie ich gerade nachgeschaut habe, schon ausverkauft), hat sie auch den Vorteil, dass dort genau die Hammer-Filme drin sind, die in Deutschland nicht zu haben ist. Das hatte ich schon in der Filmkritik zu Die scharlachrote Klinge geschrieben, den ich aber leider sehr ernüchternd fand. Neben Pirates from Blood River legte Indicator auch noch The Brigand of Kandahr (in Deutschland als Die Letzten von Fort Kandahr vertrieben) sowie Visa to Canton (Einmal China und zurück) bei, die, sowie ich es überblicken kann, zwar in die Deutschen Kinos kamen, aber bis dato noch nicht fürs Heimkino erschienen sind. Alleine deswegen ist die Box ihren Wert, ähm, wert, weil man so auch den eher unbekannten Output der britischen Kultschmiede zu sehen bekommt. Hammer war eben nicht nur Dracula, Frankenstein und Gothic, sondern auch Abenteuer, Historien-Action und Thriller.
Und genau da reiht sich Pirates from Blood River ein; ein bisschen pulpig, ein bisschen exploitativ (zumindest in der ungeschnittenen Fassung) und vor allem sehr unterhaltsam! Und das hatte ich nach Hammers doch eher drögen Historienschinken Die scharlachrote Klinge gar nicht so erwartet.
Das ist alles in allem eine schöne, zeitgenössische Hammer-Produktion: Man tat sich mit amerikanischen Verleihern zusammen, um gemeinsam einen feinen Abenteuer-Reißer für die Sommerzeit zu drehen (der Film erschien passend für die Schulferien). Die Amis (bzw. genauer Columbia) schickten einen ihrer „Stars“ (in diesem Falle Kerwin Matthews) und Hammer ließ mal wieder Hausschreiberling Jimmy Sangster eine schnelle Plotte schreiben, die man reißerisch bewerben konnte. Ich meine… Pirates from Blood River. Die Piraten vom Todesfluss. Das ist ja mal ein extrem cooler Filmtitel und dazu noch das wunderschöne Plakat…
Und Sangster zauberte einen schnellen, unterhaltsamen Abenteuerfilm hin. Wer hätte auch etwas anderes erwartet? Ironischerweise spannte Hammer-Chef Carreres ihn dafür ein, als sie im Pool schwimmen waren, und Sangster nannte derlei Produktionen einfach „Tits and Swords“-Filme. Was ja irgendwie sogar passend ist. Wie immer gilt: Sangster war zumindest bei Hammer bis auf wenige Ausnahmen keiner, der großartige neue, kreative Geschichten mit tiefe schreiben konnte (oder musste), dann hätte das Studio eher zu Nigel Kneale greifen müssen. Aber er war in der Lage, aus den Genre-Versatzstücken flotte, unterhaltsame, in sich logische Filme zu schreiben. Das passte eben perfekt zu Hammers-Stil, und die Rechnung geht bei The Pirates from Blood River hervorragend auf. Natürlich war das größte Manko, wie Carreras ihn selbst drauf aufmerksam machte, dass Hammer sich einfach keine Schiffe leisten konnte. Tatsache: Im Film sieht man, bis auf ein Matté-Painting und Stock-Footage, kein Piratenschiff. Das wäre ja eigentlich ein Todesurteil für ein Film von Seefahrerromantik, aber Sangster umgeht diese Schwäche einfach dadurch, dass er eine kompakte Story á la „Unschuldige Gruppe muss sich gegen Fieslinge zur Wehr setzen“ draus schnürt (von ihm „Desperate-Hours“-Filme genannt). Der Plot ist deswegen simpel und passt auf einen Bierdeckel, passend fürs junge Publikum: Piraten bedrohen eine kleine Kolonie. Fertig.
Ok, ganz so schnell will ich Sangsters Skript auch nicht abspeisen. Im Grunde ist das der Plot, ja, aber es ist nicht einfach „nur“ Gut Vs. Böse. Sangster schafft es mit der Figur des religiösen Jason Standing auch, noch eine Schattierung zwischen den Fronten zu schaffen, freilich, ohne diese religiösen Fragen irgendwie tiefer zu behandeln. Aber das würden wir in einem Hammer-Film ja auch kaum sehen wollen, oder? Zumal der Konflikt zwischen dem geschassten Jonathan und seinem religiösen Vater auch nicht wirklich ganz gelöst wird und es eher so eine Deus-Ex-Machina Lösung gibt á la „Es war Gottes Strafe“. Insgesamt war ich aber auch überrascht, dass die Piraten hier wirklich als vollkommen unmoralische Rohlinge gezeichnet werden. Ich hätte eher erwartet, dass sie sowas wie Anti-Helden wären – eben so, wie man sich die Freibeuter damals irgendwie vorgestellt (oder eher: romantisiert) hat.
Das Skript ließ man zwar noch umschreiben (Sangster vermutete, dass Columbia da seine Finger im Spiel hatte), aber das Wichtigste für Carreras war sicherlich, dass sich die Story für Hammers Umstände adäquat umsetzen ließen. Schließlich sollte es nur ein B-Film werden und Geld für Schiffe, große Schlachten oder Aufnahmen auf dem Meer hatte man einfach kein Geld. Aber Sangster achtete eben auch darauf, dass die Story im kleinen Rahmen trotzdem Spannung erzeugen ließ, und das tut sie auch. Mit dem geplagten Jonathon hat man eine Hauptfigur, mit der man mitfiebern kann, mit Jason gibt es eine ambivalente Figur und Kapitän LaRoche ist dann schließlich der charismatische Bösewicht.
Die Story taugt also nicht nur als Vehikel für etwaige Action oder Schauwerte, sie ist spannend und macht Spaß. Genau das war ja das Problem von Die Scharlachrote Klinge: Da gabs zwar Action und ein paar schöne Sets, die Story war aber leider ziemlich langweilig.
The Pirates from Blood River nun hat nicht nur eine gute Geschichte, sondern profitiert auch von einem schönen Ambiente. Obwohl man in England drehte, kommt amerikanischer Flair auf in dem Sinne, dass die Umgebung, das Dorf, seine Bewohner, die Piraten und die Natur so wirkt, als befände man sich im Amerika des 17. Jahrhunderts – ein Setting, was mir sowieso gut gefällt (und mich dezent an Age of Empires III erinnert, welches ich gerade sehr viel spiele, aber das nur am Rande). Natürlich, eigentlich fällt auf, dass es hier nicht wirklich viel gibt: Das Dorf besteht aus ein paar Holzhütten und einer Kirche, das „Piratenschiff“ aus einem Innenraum, einem zugegebenermaßen sehr schönem Matté-Painting und Stock-Footage, aber es ist trotzdem atmosphärisch, wenn klischeehafte Piraten durch den Wald bzw. Sumpf laufen und das Dorf angreifen. Dabei gibt’s noch ein paar Gefechte mit altmodischen Büchsen, wilde Gelage und eine finale Verfolgungsjagd durch den Wald. Die Story spitzt sich realistisch zu, inklusive Meutereien, und endet in einem schönen Säbel-Zweikampf. So muss das.
Ganz besonders hilfreich ist der starke Cast, den Hammer hier versammelt hat. Klar, der eigentliche Star sollte wie gesagt der von Columbia gestellte Kerwin Mathews sein. Der erlangte in derlei Filmen Aufmerksamkeit durch die Harryhausen-Filme Sinbads Siebente Reise und Die drei Welten des Gulliver (ebenfalls bei Columbia). Sicherlich ist er ein sympathischer, wenn auch austauschbarer Held, aber eben niemand, an den man sich so wirklich erinnern würde. Er ist zwar auch kein blasser Superheld, der keinerlei Charakterzeichnung bekommt, aber gegen Christopher Lee als Kapitän LaRoche kann halt niemand ankommen. Als verkrüppelter Piraten-Schurke mit Augenklappe, schwarzen Handschuhen und einem schwarzen Mantel mit Pistole, der bereit ist, mal eben ein ganzes Dorf inklusive Frauen und Kinder zu massakrieren, um an Gold zu kommen, ist Lee hervorragend. Ich weiß nicht so recht, ob er wirklich Lust auf die Rolle hat, und sein Herzblut verschüttete er sicherlich auch nicht, aber seine schiere Präsenz und sein Auftreten heben den Film schon auf ein höheres Niveau. Mathews war deswegen wohl angefressen, denn er sagte später, er konnte Lee’s angebliche „Ich bin hier der Filmstar“-Attitüde nicht ausstehen. Ob Lee sich wirklich so verhielt, vermag ich natürlich nicht zu sagen, aber es stimmt halt: Lee ist hier der große Name.
Leider, leider spielt Peter Cushing nicht mit. Ihn sah man ja in Die Bande des Kapitän Clegg kurz als Piraten. Stattdessen hat man ein paar andere, bei Hammer immer gern gesehene Gesichter zu Freibeutern gemacht. Als LaRoches rechte Hand (und späterer Meuterer) gibt Hammer-Nebendarsteller Michael Ripper (Scars of Dracula oder eben auch Die scharlachrote Klinge) eine gelungene Vorstellung – und sein Kostüm ist auch ziemlich cool. Oliver Reed wird hingegen als fieser Pirat eher verschwendet, er stirbt schon zur Halbzeitmarke und hat keine wirkliche Bedeutung für den Plot. Sehr gut spielt dann aber noch Andrew Keir (Das grüne Blut der Dämonen, Das Grab der blutigen Mumie), der den inneren Konflikt seines Jason Standings sehr gut zu verkörpern weiß, gerade in der Szene im Gericht. Ach ja, und einen weiblichen Star gibt’s auch noch, nämlich Marla Landi, die schon in Der Hund von Baskerville spielte, ebenso wie im britischen Science-Fiction Quatsch Rakete 510. Viel zu tun hat sie nicht, nämlich eigentlich… gar nichts. Ihre Figur hätte man auch ohne weiteres rausschreiben können und sie darf am Ende nicht mal gerettet werden.
Gedreht wurde das Ganze von Hammers-Hausregisseur der zweiten Reihe, John Gilling, der Anfang der 60er bis Mitte des Jahrzehnts einige Filme für das Studio drehte, so u.a Das schwarze Reptil, Plague of the Zombies oder eben auch Die scharlachrote Klinge. Und angefangen hat er natürlich mit Bela Lugosi in Mother Riley Meets the Vampire… bis jetzt hab ich in keinem seiner Filme großes Talent dafür gesehen, aus dem Drehbuch wirklich viel herauszuholen. Er filmt alles ok, aber ohne irgendwelche besonderen Ideen, seien es Kameraperspektiven oder ähnliches. Das ist zwar stumpf, aber mindestens zweckmäßig.
Gesichtet wurde wie gesagt die Blu-Ray von Indicator. Die hat tatsächlich nicht mal eine sooo extrem gute Qualität, wie ich’s von dem Label gewöhnt bin, aber dennoch ist das absolut annehmbar. Dazu gibt’s ein Interview mit Andrew Keir, ein paar Fotos von den Drehaufnahmen und ein paar andere Extras. Wie gesagt: Als Hammer-fan sollte man sich die Box zulegen, und den Film sowieso. Gesehen habe ich natürlich die umgeschnittenen Version, die schon doch ziemlich hart ist: Versuchte Vergewaltigung, ein hilfloser Vater wird On-Screen erstochen und Piranhas (die man nicht sieht, aber trotzdem) fressen ein paar Leute – da fliest schon hier und da das hellrote Kunstblut. Damit der Film aber überhaupt etwas einspielte, wurde der Streifen, wie gesagt, er lief in den Ferien an, für das junge Publikum noch stark entschärft.
Fazit:
Die Piraten vom Todesfluss ist ein kleiner, feiner und kompakter Hammer-Abenteuerfilm mit einem guten Cast und der gewohnt schönen, wenn auch nicht ausufernden Ausstattung. Klar – kein Klassiker des Studios, aber für mich trotzdem ein Geheimtipp.
7/10 Punkten.