Original-/Alternativtitel: Charlie Chan in Shadow over Chinatown

Jahr: 1946

Regisseur: Terry O. Morse

Schauspieler: Sidney Toler (Charlie Chan), Mantan Moreland (Chauffeur Brown), Victor Sen Yung (Jimmy Chan), Tanis Chandler (Mary), John Gallaudet (Jeff Hay)

 

Vorwort:

Ich kann spoilern, dass das hier vorerst die letzte Poverty-Row-Filmkritik wird (zumindest im Mystery-Genre), vorerst wollen wir das also mit einer weiteren Charlie-Chan-Filmkritik abschließen. Da ich aber wie erwähnt die Pidax-Box besitze, und da noch acht ungesehene Teile der Reihe drin stehen hab, wird irgendwann dieses Jahr nochmal eine Chan-Kritikreihe kommen…

Poverty-Row-Mysteries 2026: Review Nr. 4

 

Inhalt:

Charlie Chan fährt mit dem Fernbus nach San Fransisco, in Begleitung seines Sohns und seines Chauffeurs Brown. Bereits auf der Fahrt kann er einen Taschendieb überführen, doch das wahre Problem zeigt sich, als jemand versucht, ihn zu erschießen! Nur mit Glück kann der Meisterdetektiv überleben.

In San Franisco heftet sich Chan sodann an zwei Vermisstenfälle. Eine Leiche wurde im nahen Canyon gefunden und eine ältere Dame fürchtet, dass es sich dabei um ihre vermisste Tochter Mary handeln könnte. Doch es geschehen mysteriöse Dinge: Das Vermisstenfoto von Mary in den Akten verschwindet, ein desertierter Marine sucht nach ihr und schließlich trifft Chan auf einen gewieften und brutalen Versicherungsbetrug… Unterstützung erhält Chan diesmal von dem Privatdetektiv Jeff Hay.

Besprechung:

Damit geht es munter weiter mit den Poverty-Row-Mysteries. Nach der Besprechung von Charlie Chan in Mexiko befand sich noch ein weiterer ungesehener Teil der Charlie-Chan-Reihe aus dem Hause Monogram in der DVD-Box von Pidax. Ich habe inzwischen auch nochmal nachgeguckt: Nach (in chronologischer Reihenfolge, wenn ich mich nicht ganz täusche) Charlie Chan in Ägypten, Charlie Chan auf Kreuzfahrt, Charlie Chan – Ein fast perfektes Alibi, Charlie Chan – Der Chinesische Ring, Charlie Chan in Monte Carlo, Charlie Chan bei den Olympischen Spielen, Charlie Chan in Panama und eben zuletzt Charlie Chan in Mexiko, habe ich mir nun meinen neunten Chan angesehen. Bei insgesamt 39 Filmen bleibt da noch eine Menge Review-Material für mich übrig. Aber wir wollen ja auch nicht alle an einem Stück wegschauen…

Da es sich wieder um einen Monogram-Vertreter der Reihe handelt (allerdings habe ich, glaube ich, inzwischen auch alle Monogram-Chans gesehen, die über eine Deutsche Synchronisation verfügen), darf man nicht viel zu erwarten – das habe ich in der Kritik zu Charlie Chan in Mexiko ja groß und breit erklärt. Die „Monogramisierung“ der Reihe schreitet weiter voran, dennoch verbleibt die Reihe objektiv weiterhin über üblichem Monogram-Standard. Gegenüber Charlie Chan in Mexiko wirkt die ganze Angelegenheit sogar etwas lebendiger, weil mehr herumgefahren, und sich weniger in Räumen aufgehalten wird. Für Monogram-Verhältnisse ist der Streifen durch einige schöne Szenen in Restaurants oder ähnlichen Etablissements auch recht lebendig und erinnert in den besten Momenten sogar an die Teile von den Major-Studios. Aber eben auch nur manchmal. Dass es ein Monogram-Film ist, lässt sich nun mal nicht verbergen. Die typischen Macken sind wieder vorhanden, in Bezug auf Charlie Chan in Mexiko kann ich mich auch eigentlich nur noch wiederholen, und die Liste abarbeiten.

Der Titel ist mal wieder Schwachsinn. Konnte man bei Charlie Chan in Mexiko das enttäuschende Faktum, dass der Zuschauer von Mexiko nicht mehr zu sehen bekam, als langweilige Büroräume, darauf schieben, dass der Originaltitel Mexiko gar nicht erwähnt wurde, und somit die Deutschen Werbevögel (mal wieder) schuld sind (er hieß ursprünglich Red Dragon), lässt sich Charlie Chan- Schatten über Chinatown nicht mehr auf selbe Weise entschuldigen. Auch der Originaltitel kündigt großspurig an, dass man sich die Handlung im China-Town Umfeld bewegt. Weit gefehlt. Tatsächlich kristallisiert sich heraus, dass die Monogram-Titel so gut wie nie hielten, was sie versprachen (ok, wann hielt Monogram die Versprechen ein, die sie machten?). Das hat jüngst auch unser beliebter Trash-Regisseur Fred Olen Ray bemerkt und auf seiner Facebook-Seite erwähnt. Der gute Mann arbeitet sich gerade anscheinend, wie ich, durch die Reihe, und informierte die geneigten Follower seiner Seite darüber, dass in den Charlie Chan Filmen Shanghai Chest und The Docks of New Orleans weder eine Truhe aus Shanghai noch Docks von New Orleans auftauchen oder eine Rolle spielen. Ganz so extrem weit hergeholt ist der Titel Chinatown jedoch nicht, denn immerhin spielt Charlie Chan – Schatten über Chinatown in der Nähe eines Chinatown, namentlich dem von San Fransisco. Ok, im Film wird Chinatown nie betreten, und Charlie Chan in San Fransisco herumfährt, darauf würde niemand kommen, wenn es am Anfang nicht kurz erwähnt würde. Lokale Sehenswürdigkeiten, wie etwa die Golden Gate Bridge, bekam Monogram selbstverständlich nicht vor die Linse. Der Lokalkolorit, der jedem einzelnen Charlie Chan Film bei 20th Century Fox ein kleines Extra gab, geht bei Monogram zusehends komplett verloren.

Wie auch immer, das ist uns ja schon bei Charlie Chan in Mexiko aufgefallen. Es ist verkraftbar. Weniger verkraftbar ist hingegen das etwas undurchsichtige Skript von Raymon L. Schrock, seines Zeichens der ehemalige General Manager von Universals Scenario Department. Der hatte Universal sogar seit den Gründungszeiten begleitet und schrieb seit 1915 Skripts, u.a war er sogar an Das Phantom der Oper beteiligt. Ein früher Wegbegleiter von „Uncle“ Carl Laemmle also, der es neben Universal jedoch offenbar nie über das B-Niveau hinausschaffte. Was steht sonst so in seiner Filmographie? Weitestgehend B-Krimis und – Whodunits, von einem Beitrag zu der The Whistler-Serie von Columbia, über Titel wie Murder in the Big House (Warner Bros.) oder dem Mystery-Krimi The Hidden Hand, der sich schon länger auf meiner Liste der potenziell Interessanten Mystery-Filmen befindet. Natürlich war er auch in der Poverty-Row zugegen, schrieb das Skript für PRCs Gegenentwurf zu Monogram East-Side-Kids-Reihe (The Gas House Kids, von 1946. Ein denkbar schlechter Titel für dieses Jahr) und erdachte ein lausiges Affen-Skript für Sam Newfields White Pongo, der, nach allem, was man über ihn ließ, selbst im Feld des schon sehr schlechten Affenfilms, wirklich sehr langweilig sein soll. An den habe ich mich noch nicht herangewagt…

Potenziell also ist Schrock jemand, der routiniert ein solches Skript in kurzer Zeit herunterschreiben konnte, doch mehr als Durchschnitt kann man anhand seiner Credits nicht erwarten. Die Geradlinigkeit der Chan-Filme bei Monogram, die sie dort vor allem aufgrund geringerer Laufzeiten (von den nun zusätzlichen Minuten für dumme Albereien der Comic-Reliefs verschwendet wurden) und Budgets bekamen, fehlt nun hier jede Spur. Nett hingegen ist der Ansatz, dass es nicht um einen Mordfall geht, zumindest nicht per se. Der Mord, der Charlie Chan auf den Plan ruft, passierte vor der Handlung. Das zentrale Motiv ist ein vermisstes Mädchen, das in kriminelle Kreise abgedriftet zu sein scheint. Erinnert dementsprechend eher an einen Noir-Thriller, denn an einen klassischen Whodunit, denn auch die obligatorischen Verdächtigen gibt es so nicht. Charlie Chan löst weniger Rätsel und „mitdenken“ oder „mitraten“ (bei Monogram ohnehin, äh, erschwert) kann der Zuschauer nun gar nicht mehr. Die ganze Sache, die am Ende sehr simpel ist, wird durch einige unnötige Verkomplizierungen, äh, verkompliziert. Verschiedene Identitäten, verschiedene Namen, die kurz in den Raum geworfen werden, eine kopf- und armlose Leiche (für dieses Jahr ausgesprochen drastisch, auch wenn man das nicht sieht. Der Hays-Code regierte schließlich noch): Da habe ich in der Mitte ehrlich gesagt etwas die Übersicht verloren. Am Ende kommt man zur „Auflösung“ aber wieder mit, die wenig überraschend ausfällt. Ok, ich Spoiler das mal kurz (auch für mich, zum Rekapitulieren).

Spoiler

Mary ist also in eine Bande hineingeraten, die Versicherungsbetrug begeht. Die Leiterin des Escort-Service arbeitet mit dem vermeintlichen Detektiv Hay zusammen: Die beiden Verkuppeln ihre Angestellten mit reicheren Männern und bringen diese dann dazu, Lebensversicherungen zu kaufen. Anschließend bringen sie diese dann um, ihre Escort-Frauen bekommen das Geld, und auch diese werden dann umgebracht. So hab ich das jetzt zumindest verstanden. Warum Hay und die Escort-Leiterin ihren Opfern dazu aber gleich Köpfe und Arme abtrennen, wird nicht erklärt, und wenn ich so darüber nachdenke, wäre diese Tatsache im Grunde der interessanteste Part des gesamten Films. Ebenso ungeklärt allerdings bleibt, wieso die beiden Mary immer noch töten wollen, obwohl sie wissen, dass die Polizei nach ihr sucht, und sie gar kein Versicherungsvermögen bei sich hat. Was hätten die beiden gewonnen, wenn sie Mary getötet hätten? Nichts. Dafür aber riskieren sie, von der Polizei geschnappt zu werden, und damit auch die ziemlich sichere Todesstrafe… naja.

Spoiler Ende.

Das Skript also schwächelt etwas, obwohl es einen netten Ansatz hat. Auf selben Niveau verbleiben allerdings die Witze unseres Comic-Relief Duos in Form von Chauffeur Brown und dem Sohn von Chan. Diese tun erneut nichts von Belang, sind doof wie Brot und machen dumme Witze (vor allem der Schlussgag ist mal wieder so ein Stuss, das er schon wieder lustig ist). Vor allem der dunkelhäutige Chauffeur Brown wird wieder als absoluter Vollidiot dargestellt, der mehrfach bei einer panischen Flucht gegen dieselbe Wand läuft, oder vor unsinnigen Dingen Angst hat (z.B vor seinem verzerrten Spiegelbild). Naja, mit derartigem Schwachsinn musste ich mich schon in den letzten Reviews zu Genüge herumschlagen (besonders in Midnight Shadow, wo ich das Thema stärker bespreche als ich es hier tun werde). Zeit wird geschunden, und Minuten gehen dafür drauf, dass Chans Sohn und Brown durch einen Chinesischen Kuriositätenshop schlendern – das hat nichts mit der Story zu tun und ist auch der einzige Part, der dem Titel „Chinatown“ irgendeine Berechtigung geben würde. Dabei befindet sich der Laden ja nicht mal in Chinatown.

Gedreht wurde der Film vom offenbar weniger talentierten, und für Poverty-Row-Verhältnisse auch weniger produktiven Terry O. Morse. Am „bekanntesten“ (laut Letterboxd-Eintrag) ist er für die wenig ehrwürdige Aufgabe, die US-Szenen für den US-Recut des Klassikers Godzilla gedreht zu haben. Ansonsten drehte er auch Unknown World (jüngst auf Blu-Ray erschienen von Severin, und von Joe Dante gelobt. Hab die Blu-Ray hier ebenfalls stehen, deswegen wird eine review dazu irgendwann kommen). Auch das Karloff-Vehikel British Intelligence drehte er. Was soll man sagen? Weiterhin rangiert das über Monogram-Verhältnisse, aber bis auf ein, zwei kleine Szenen fällt mir nirgendswo auf, dass da große Ambitionen von Seite des Regisseurs umgesetzt worden wären.

Zu den Akteuren. Für Sidney Toler sollte es sein drittletzter Chan-Film werden. Trotz schwerer Krankheit spielte er bis zu seinem Tod 1947, obwohl es immer schwieiriger für ihn wurde, die Anforderungen an einem Filmset zu meistern. Hier geht es noch, wirklich schwer sollte es wohl erst in seinem letzten Film The Trap werden.

Als Deppen vom Dienst kehren Victor Sen Yung und Mantan Moreland zurück. Yung hatte schon bei Fox in einigen Filmen Chans Sohn gespielt und kehrte hiermit wieder zur Reihe zurück. Er ist ganz nett, hat ein natürliches Charisma und dient als etwas trotteliger, aber dennoch sympathischer Sohnemann von Chan gut an. Tja, und dann haben wir da noch Mantan Moreland, Monograms Depp auf Abruf (zu seiner Karriere hatte ich mich schon in The Strange Case of Dr. Rx ausgelassen). Als Quais-Nachfolger vom „Erfinder“ (oder zumindest demjenigen, der das Klischee populär machte) des faulen, dummen Dunkelhäutigen im Film, Stepin Fetchit, war er auf derartige Rollen abonniert. Allerdings ist er, das dürfte recht unbestritten sein, auch denjenigen darstellen, der diese Art des Humors noch am besten meisterte. Er hat ein lustiges Auftreten, besitzt gutes Timing für die Gangs und setzt diese mit Mimik sauber um – nur lustig ist es halt, vor allem aus heutiger Sicht, nicht mehr. Zumindest, wenn er dieselbe Nummer in jedem Film, in dem er auftrat, abzieht. Aber dafür konnte er nun mal nichts, sondern da sind die Drehbuchschreiber schuld. Der Rest des Casts ist nicht erwähnenswert, sondern bewegt sich auf dem typischen, austauschbaren Monogram-Niveau. Lediglich Mary Gordon, die uns vor kurzem schon in The Last Alarm begegnete, sei erwähnt.

Fazit:

Trotz aller Mängel ist auch Charlie Chan – Schatten über Chinatown weiterhin eine relativ kurzweilige Angelegenheit. Es ist durchschnittliche Krimikost auf Monogram-Sparflamme, sodass die Reihe zunehmend in der Masse der Filmproduktion unterzugehen drohte. Mit dem Tod von Sidney Toler wäre ihr Ende eigentlich entschieden gewesen, aber Monogram setzte sie ja noch mit Roland Winters fort. Von denen habe ich ebenfalls schon zwei Vertreter gesehen, nur muss ich noch einen Winters-Chan reviewen. Kommt noch, kommt noch…

5,0/10