Original-/Alternativtitel: The Red Dragon
Jahr: 1946
Regisseur: Phil Rosen
Schauspieler: Sidney Toler (Charlie Chan), Benson Fong (Sohn Nr. 3), Willie Best (Chauffeur Brown), Fortunio Bonanova (Inspektor Carvero)
Vorwort:
Wie im „Jahresplan“ (wir werden allerdings nicht kommunistisch hier auf der Seite) angekündigt, will ich ein paar Review-Reihen dieses Jahr starten. Die erste soll sich mit B-Filmen meiner „heißgeliebten“ Poverty-Row beschäftigen, also vorrangig mit Mystery- und Horrorfilmen, aber auch der ein oder andere Kriegsfilm soll auftauchen. Ich denke, die berühmte Charlie Chan Reihe ist da ein ganz guter Start, bevor wir uns in tiefere Gefilde des Stussfilms begeben. Es ist quasi wieder, wie ich schon bei der Review zu The 13th Guest anmerkte, M&M-Time: Monogram & Murders…
Poverty-Row-Mysteries 2026: Review Nr. 1
Inhalt:
Die wertvollen Dokumente des Magnaten Alfred Wyans, die den Bau einer Atombombe beinhalten, drohen in Mexiko-Stadt gestohlen zu werden (gleichwohl wirft man Wyans selbst vor, diese von jemand anderem geklaut zu haben). Sein Sekretär Walter Dorn bittet den lokalen Polizisten Inspektor Carvero, Charlie Chan hinzuzuziehen. Doch kaum ist dieser angekommen, wird Walter Dorn kurz vor einem geplanten Mittagessen erschossen – ohne das eine Tatwaffe gefunden wird oder dass die Kugel Spuren eines Revolverlaufes aufweist. Während Chan die Tatverdächtigen, darunter diverse Geschäftsmänner und eine Sängerin, abklopft, geschehen weitere Morde: Plötzlich steckt den Opfern Kugeln im Leib, ohne dass jemand auf sie geschossen hätte.
Besprechung:
Das ist, wie ich es gerne nenne, die „Monogramisierung“ der Charlie Chan Reihe. 1942 beendete 20th Century Fox die Reihe mit Das Schloss in der Wüste vorerst. Sidney Toler überbrückte das Ende seiner langjährigen Arbeit (schließlich hatte er, während die Reihe noch lief, kaum etwas anderes gespielt) 1943 mit einer Nebenrolle im Technicolor-Abenteuerfilm White Savage (u.a mit Sabu), dann mit einem Auftritt im PRC-Abenteuerfilm Isle of Forgotten Sins (von Edgar G. Ulmer und mit John Carradine. Also fast ein, äh, „Prestige“-Projekt von PRC) und mit einer weiteren Nebenrolle im Universal-Serial The Adventures of Smilin’ Jack. Nicht unbedingt das erfolgreichste Jahr seiner Karriere. 1944 ging es dann aber endlich mit Charlie-Chan weiter, jedoch eine Stufe weiter unter, bzw. eine Straße weiter, denn jetzt „musste“ Toler für die Dreharbeiten in die Poverty-Row Düsen, genauer gesagt nach Monogram. Damit dürfte der Qualitätsabfall der Serie besiegelt worden sein. Tatsächlich war es Toler selber, der die Rechte an der Romanfigur der Witwe des Autors Earl Derr Biggers abkaufte und diese dann Monogram anbot; Nun ja, der Vorteil des Typecastings. Man spielt nur noch eine einzige, eindimensionale Rolle, aber die läuft finanziell wenigstens (außer man heißt Bela Lugosi). Tatsächlich tauchte Toler bis zu seinem Tod 1947 in nur noch einem einzigen Streifen außerhalb der Reihe auf, und das auch nur in einer Kleinstrolle im Comedy-Film It’s in the Bag!.
Aber die Monogram-Filme haben, wie ich schon öfters ausgeführt habe, einen naiven- sympathischen Charme, und ihre offensichtliche Billigkeit kann ich ihnen verzeihen, wenn die Stories wenigstens etwas bieten (oder wenn sie irgendwelche größeren Leute vor die Kamera bekamen, wie z.B Lugosi, Carradine, Zucco oder eben Toler). Zum Vorteil ist es auch, dass mir die Chan-Filme aus der Reihe, die von Monogram produziert wurden,, in außergewöhnlich guter Qualität vorliegen. Welche Monogram-Filme, bitte, haben jemals „richtige“ Veröffentlichungen bekommen? Die meisten Streifen der Poverty-Row muss ich mir in schlechter Qualität auf YouTube anschauen. Die einzigen Filme des Studios, die in Deutschland veröffentlicht wurden, sind, soweit ich das überblicken kann, The Invisible Ghost von 1941 und dann eben die Charlie-Chan-Filme. Diese kommen auf der DVD-Box von Pidax in super Qualität, sodass die Produktion an sich schon wertiger erscheint.
Jedoch kann man auch davon ausgehen, dass Monogram den Chan-Filmen mehr Budget spendierte, als ihren anderen Potboilern. Es dürfte immerhin das zugkräftigste Franchise gewesen sein, das Monogram jemals besessen hat, sodass sie die Reihe sogar nach Tolers Tod einige Zeit fortsetzten. Zwischen 1944 und 1947 haute Monogram 11 Filme mit Toler als den chinesischen Superdetektiv raus, also muss sie gut Geld eingespielt haben (auch wenn bei Monogram ein Film schon als „erfolgreich“ gegolten haben dürfte, wenn er ein paar tausend Dollar plus brachte).
Wie auch immer, die Unterschiede zwischen den Chan-Filmen von 20th Century Fox, einem Major-Studio, und den Vertretern aus der Poverty-Row, sind offensichtlich. Weniger Sets, weniger Außenaufnahmen, weniger Statisten, weniger Deko. Kurzum: Geringere Production-Values. Dennoch muss man lobend anerkennen, dass die Filme immer noch relativ gut aussehen. Vergleicht man das mit diversen anderen Monogram-Produktionen, gerade mit denen von 1939 oder 1940 (z.B mit den Tailspin-Tommy Filmen) zeigt sich, dass Monogram dazugelernt hat.
Aber auch storytechnisch büßten die Filme etwas ein. Geschrieben wurden die Skripts nun von einem gewissen George Callahan, der seit 1939 hinter der Schreibmaschine Drehbücher tippte (darunter zwei für die The Shadow-Reihe, ebenfalls von Monogram). In den 50er Jahren, nach der Einstellung der Chan-Reihe, schrieb er vorwiegend fürs Fernsehen, war aber auch noch am Sci-Fi-Klassiker Metaluna IV antwortet nicht beteiligt, der aber, wir erinnern uns, auch keine Bäume mit seinem Skript ausreißt. Wenigstens ist der Mordfall hier noch weniger ausgefeilt und verzahnt, als es in den vorigen Teilen der Fall war. Außerdem ist das Skript manchmal etwas faul, wenn Chan wichtige Infos über die Verdächtigen einfach so per Anruf aus den USA erhält, ohne dies selber durch Ermittlungen herausfinden. Und dann die Grundprämisse: Baupläne für Atombomben befinden sich mal eben einfach so in den Händen irgendeines Geschäftsmannes in Mexiko? Und „lediglich“ Charlie Chan und nicht das FBI oder sonst wer kümmert sich darum? Naja. Diese „wichtigen Dokumente“ sind am Ende lediglich ein handelsüblicher MacGuffin, der die Handlung vorantreibt, im wesentlichen aber ohne Belang sind.
Bis auf Chan sind die Nebenfiguren auch sehr blass, sodass die Enthüllung am Ende, wer der Mörder ist, keine großen Überraschungen hervorbringt (weil man eh keine Hinweise bekommt, an denen man den Übeltäter vorher hätte herausfinden könnte, und weil die Figuren absolut austauschbar sind).
Neben Sidney Toler wird auch der Cast billiger. Der wohl eklatanteste Unterschied bei den Stories zwischen den Fox-Titeln und den Monogram-Titeln ist, dass es nun gar nicht nur einen, sondern gleich zwei dämliche Comic-Relief Charaktere gibt! Gut, Sohn Nr. 2 war auch bei den Fox-Filmen immer etwas naiv, aber dennoch ernst zu nehmen. Hier allerdings bildet er nun mit dem dunkelhäutigen Chauffeur Brown von Chan ein Comic-Relief-Duo, wie es im Buche steht. An zahllosen Stellen habe ich schon groß und breit ausgeführt, dass diese Art von Figuren meistens eine schiere Qual sind (vor allem in Horrorfilmen), hier ist es aber mal wieder so dämlich und plakativ, dass es immerhin zum Schmunzeln anregt. Dass der dunkelhäutige Chauffeur nur dumm und ängstlich ist (die Witze sind immer dieselben: Er hat vor irgendetwas Angst, ruft Sohn Nr. 2 um Hilfe, und wenn der dann ankommt, ist die Quelle der Angst schon weg, sodass Brown doof dasteht), ist klar, und dass das mitunter rassistisch werden kann, ebenso. Allerdings machten schon die ganz frühen Chan-Filme diese Sünde, man denkt nur an „Schneeschuh“ in Charlie Chan in Ägypten, der das Klischee des dummen, einfältigen Dunkelhäutigen auf die Spitze trieb (und bis dato die rassistischste Karikatur ist, die mir bei meiner Reise durch Hollywood bisher über den Weg lief). Missgünstige Zungen sagen nun, dass die gesamte Charlie-Chan-Reihe durch das Yellowfacing rassistisch wäre, aber diese Diskussion habe ich schon in anderen Reviews aus-, äh, -diskutiert, weswegen ich das Thema hier nicht nochmal breittreten will. Allerdings, das sei dem Film ebenso angerechnet, gibt es auch die ein oder andere tatsächlich amüsante Auflockerung, wenn Chan etwa seinem Sohn die Tanzpartie wegnimmt, um mit dieser dann Samba zu tanzen. Die ganze Angelegenheit ist trotz der Qualitätsverluste immer noch eine leicht-bekömmliche, simple Krimikost.
Wie erwähnt, Monogram lässt für ihre Qualitäten nichts anbrennen. Schade ist nur, dass der Film mit Mexiko nix am Hut hat. Im Deutschen heißt der Film zwar so, und er spielt auch in Mexiko, aber da sich die Handlung bis auf eine Handvoll Autofahren nur in x-beliebigen Räumen spielt, hätte man Chan auch nach Brasilien, Russland oder in die Toskana schicken können. Und gerade dieser Lokalkolorit war bei den Fox-Chan-Filmen ja immer der Charme, siehe meine Review zu Charlie Chan in Panama. In Kombination mit der ziemlich flachen Handlung wirkt das manchmal schon ziemlich statisch, obwohl der Streifen immer noch dynamischer und weniger klaustrophobisch wirkt als andere Monogram-Filme. Als Regisseur fungiert der altbekannte Monogram-Dauerfilmer Phil Rosen (Spooks Run Wild, Return of the Ape Man, The Sphinx u.a neben den Chan-Filmen). Für Monogram-Verhältnisse ist die Kamera geradezu beweglich!
Zu Sidney Toler muss ich wohl nicht mehr viel sagen, er ist weiterhin der Fixpunkt des Ganzen. Allerdings wirkt er hier gegenüber den Fox-Filmen doch etwas eingerostet und älter, vielleicht liegts aber auch an den Umständen, unter denen er bei Monogram arbeiten musste.
Neben Toler gibt’s allerdings keinerlei bekannte Leute. Sohn Nr. 2 ist bei Monogram leider nicht mehr Keye Luke, sondern Benson Fong, der eine bei weitem weniger erfolgreiche Karriere hatte als sein Vorgänger. Er ist ein annehmbarer Ersatz.
Monograms hauseigener Spaßvogel, was rassistisch-angehauchte Comic-Reliefs anging, Mantan Moreland, spielte Chauffeur-Brown in allen anderen Monogram-Chan-Filmen. Außer hier. Warum, konnte ich nicht ermitteln. Als Ersatz diente Willie Best, der, so nehme ich an, auf diese Rollen ebenso wie Moreland abonniert war. Moreland ist allerdings dennoch etwas lustiger in der Rolle als Best (vielleicht liegts aber auch am Drehbuch). Wohlmöglich fiel Moreland einfach aufgrund Krankheit aus?
Erwähnenswert ist dann lediglich nur noch Fortunio Bonanova (was ein Name), der den Mexikanischen Kollegen von Chan gibt. Viel zutun hat er nicht, aber die Chemie zwischen den beiden genügt.
Fazit:
Charlie Chan in Mexiko kommt sowohl optisch, wie auch inhaltlich nicht an die Reihenvertreter von Fox heran – es ist halt immer noch Monogram. Aber wer den Chinesischen Superdetektiv mag, und wer Poverty-Row aushält oder gar (wie ich) irgendwie sympathisch findet, der kann 60 Minuten immerhin akzeptabel herumkriegen.
5,5/10 Punkten